Leitartikel: Europa sucht ein Wundergesetz, das Google in die Schranken weist

So zögerlich wie Europa bisher gegen Google auftrat, wirkt der Vorschlag einer EU-Digitalabgabe fast lieb. Wer Gesetze einführt, muss sie auch ernst nehmen.

Vollmundig und offensichtlich voll motiviert hat der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger angekündigt, er wolle eine europaweite Abgabe für die Online-Nutzung geistigen Eigentums einführen. Das ist prinzipiell keine schlechte Idee, gäbe es da nicht schon gefühlte siebzig Abgaben für geistiges Eigentum pro Mitgliedsland und die Frage, wie man diese mit einer neuen EU-Abgabe vereinen kann. Und würde dieser Vorschlag nicht schon wieder so auffällig darauf abzielen, den Suchmaschinenriesen Google endlich in die Knie zu zwingen.
Dass sich jener aber nicht so leicht einschüchtern lässt, sollte sich herumgesprochen haben. Gerade Oettinger müsste das in seiner Heimat, Deutschland, mitbekommen haben. Dort zeigt Google gerade, wie leicht es ist, die Verlage vor sich herzutreiben. Große Medienhäuser, allen voran Axel Springer, die Funke Mediengruppe (die in Österreich 50 Prozent an der „Krone“ hält) und der Burda-Verlag, haben monatelang um ein Lizenzrecht für die Nutzung der kurzen Textanrisse auf Google gebettelt und es prompt bekommen. Doch Google nimmt Gesetze wie dieses mit ungerührtem Schulterzucken zur Kenntnis und sagt: „Dann eben nicht.“ Statt die seit August 2013 geltende Gebühr für die Textanrisse zu zahlen, kündigte der Konzern an, diese nicht mehr anzuzeigen. Worauf die Verlage vergangene Woche einknickten und reihenweise eine „widerrufliche Gratiseinwilligung“ für die Nutzung der Texte erteilten. Es gibt nun also ein Gesetz, und keiner hält sich daran. So zwingt man Netzmonopolisten sicher nicht in die Knie.

Wenn Oettinger seine Ankündigungen im „Handelsblatt“ ernst nimmt, die sein Büro am Dienstag ohnehin als „grobe Vorstellungen“ relativiert hat (siehe rechts), sollte er sich genau überlegen, wie eine solche Abgabe aussehen könnte und sich im Vorfeld um eine Einigung mit Google und anderen Digitalkonzernen bemühen. Das alles kostet Zeit, weshalb Oettinger am Dienstag vor allem für seinen gewagten Zeitplan von einem Jahr Gelächter von Legisten und Netzpolitikern geerntet hat. Bis 2016 will er nicht nur die Abgabe, sondern auch ein einheitliches europäisches Urheberrecht einführen. Sein Vorgänger, Michel Barnier, als EU-Binnenmarktkommissar bisher für das Thema zuständig, hat das in fünf Jahren nicht geschafft.

Ähnlich wie Oettinger lässt sich auch der österreichische Verlegerverband VÖZ nicht von der deutschen Google-Niederlage einschüchtern. In regelmäßigen Abständen fordert der VÖZ ein Leistungsschutzrecht nach deutschem Vorbild. Freilich soll es weniger schwammig und mutlos formuliert sein als im Nachbarland. Aber ist der VÖZ wirklich gewappnet, wenn Google auch Österreichs Medienhäusern droht, die Textausschnitte nicht mehr anzuzeigen? Und ziehen wirklich alle Verlage im Land an einem Strang?

Ebenso wenig wie in Deutschland. Dass die Verlage so wenige Chancen mit ihrer durchaus legitimen Forderung auf Bezahlung ihrer Textausschnitte hatten, hat auch damit zu tun, dass sie sich untereinander so uneinig waren. Zeitungshäuser wie „Die Zeit“ oder „Die Süddeutsche“ hatten sich der Lizenzrechtforderung gar nicht erst angeschlossen. Nur der Springer-Verlag stand und steht an vorderster Front im Kampf gegen Google. Vorstand Mathias Döpfner schrieb sogar einen Brief an Google-Chef Eric Schmidt, in dem er gestand, in einem Abhängigkeits-Angst-Verhältnis zu Google zu stehen. Döpfners Brief wirkte auf Netzexperten so naiv wie die deutsche Kanzlerin Merkel, wenn sie von „diesem Internet“ spricht, das „für viele von uns noch Neuland“ ist. Die Mächtigen in Wirtschaft und Politik glauben, dass über Jahrzehnte gewachsene Entwicklungen im Netz leicht revidierbar sind.

Wenn sich Europa auf eine Lex Google einigt, muss sie diese mit allen Konsequenzen durchziehen. Auf halbem Weg die Meinung zu ändern geht dann nicht mehr.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 29.10.2014)

 

Translation:

 

Europe looks for a miracle law designed to rein in Google

In view of how timidly Europe has been facing off against Google so far, the suggestion of an EU-wide digital copyright fee is almost quaint. Newly introduced laws should be taken more seriously.

In a grandiose and very motivated speech, German EU-commissioner Günther Oettinger has announced his goal of introducing a Europe-wide fee for the online use of any intellectual property. This is not a bad idea per se, if it wasn´t for the around seventy or so intellectual property fees per member state that are already in existence, begging the question whether they would all be compatible. Also, this proposition, like others before, has a whiff of being aimed directly at Google, so as to finally bring it to its knees.

The fact that the Google board isn´t very easily intimidated should be common knowledge and particularly Oettinger, hailing from Germany, must have noticed this in his own country. There, Google is currently demonstrating the perfect way to keep publishing houses on a short leash. Media giants like Axel Springer, Funke Mediengruppe (holding 50% of the Austrian daily “Krone“) and Burda Media had to beg for the licensing rights to Google news snippets for months and were finally approved. Google, however, has acknowledged similar laws with serene indifference and a“suit yourselves“ attitude.
To wit – instead of yielding to a law in place since August 2013 and paying the required fee, Google announced instead, they would just not be featuring the snippets anymore. Which in turn forced the publishing houses to cave and grant Google a“revocable consent”agreement to reproduce content. So there is a law, but nobody complies. This is not the way to stare down a giant internet monopolist.

Oettinger´s announcements, featured in Germany´s business newspaper „Handelsblatt“were softened on Tuesday by a qualifying statement from his office calling them „rough ideas“ (see page right), but if Oettinger is at all serious about a revised law, he should think carefully about the exact details of this EU-wide fee, ideally to be immediately followed by an agreement with Google and other digital media corporations. This will require quite a bit of time, which is why Oettinger´s sporty deadline of one year from now was received with amused derision by legislators and network policy makers. By 2016, he wants to have introduced the mandatory fee as well as a European standardized copyright law. His predecessor, Michel Barnier, Commissioner for the Internal Market and therefore responsible for this conundrum before Oettinger, did not manage to find a solution in five years.

Similar to Oettinger, the Austrian publishing association VÖZ refuses to be flustered by the small Google victory in Germany, instead regularly demanding German-style neighboring rights, but less vague and with a little more oomph. But is the VÖZ prepared for a threat by Google to revoke Austrian news snippets? And are all publishing houses really on the same page?

And just like in Germany, the answer is no.
The chances publishers had to get paid for their snippets, an entirely legitimate demand, were very small primarily due to constant discord amongst each other. Newspapers like “Die Zeit” and “Die Süddeutsche” stayed away from the licensing rights demands from the start. Only the Springer publishing house was first in line in the fight against Google. Managing Director Mathias Döpfner even wrote a personal letter to Google CEO Eric Schmidt, bizarrely confessing to a rather one-sided relationship to Google based on dependency and fear.
Internet experts labeled Döpfner´s missive “naïve”, not unlike Chancellor Merkel´s comments about „that internet“ being „virgin territory for many of us“.

The great and powerful in the worlds of economy and politics think that even online developments that have organically grown over decades can now be very easily revoked.

So if Europe ever agrees on a Lex Google, it will have to be very rigidly adhered to by everyone involved. Changing tack halfway through will then no longer be possible.

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Paid Content: Und jetzt die Nachrichten

New York Times und Axel Springer schießen drei Mio. Euro in das holländische Start-up Blendle, ein iTunes für Nachrichten.

Utrecht/Berlin/New York. Ein bisschen Größenwahn gehört beim Gründen dazu. Nicht weniger als “eine Revolution” hatten die beiden 27-jährigen Holländer Alexander Klöpping und Marten Blankesteijn im Mai beim Launch ihrer Onlineplattform Blendle angekündigt. Dieser Revolution sind sie in der Nacht auf Montag ein großes Stück näher gekommen.

Nur sechs Monate nach dem Start sind zwei der wichtigsten internationalen Medienhäuser auf das Start-up aus Utrecht aufmerksam geworden: Die New York Times Company und der deutsche Axel Springer Verlag beteiligen sich zu 25 Prozent an Blendle und investieren drei Millionen Euro. Die Gründer halten weiter 75 Prozent.

Aber was ist Blendle genau? Der Einfachheit halber und mit dem eingangs erwähnten Größenwahn ausgestattet verglichen sich Klöpping und Blankesteijn von Anfang an mit Apples iTunes. Ähnlich wie der digitale Kiosk für Musik, Filme und Bücher ist Blendle eine Plattform (und eine App) für Nachrichten. Artikel können auf der Seite einzeln bezogen werden, um 20 bis 40 Cent oder mehr. Beim Start in Holland waren so gut wie alle großen Medienmarken aus Holland an Bord, und das, obwohl die meisten Zeitungshäuser gerade erst ihre eigenen Bezahlsysteme für Online-Nachrichtenseiten errichtet hatten. Von den 130.000 Abonnenten, die Blendle laut eigenen Angaben hat, geben erst 20 Prozent regelmäßig Geld für Texte aus. Der Rest surft gratis auf der Plattform und vernetzt sich mit Freunden oder Kollegen.

Deutsche Konkurrenz Readly

Springer und New York Times sehen in Blendle ein weiteres Werkzeug, das dazu beitragen kann, eine Bezahlkultur für Journalismus im Netz zu etablieren. Mit einem einfachen Bezahlsystem sei vor allem eine junge, internetaffine Generation von Lesern eher bereit, für journalistische Inhalte zu zahlen.

Springer bekommt allerdings schneller Konkurrenz als gedacht. Schon am Montag ging das deutsche Portal Readly online. Dort können die Inhalte der Bauer Media, der Funke Mediengruppe, des IT-Verlags IDG (etwa “PC Welt”) und das Vice-Magazin (70 Magazintitel zum Start) für eine Flatrate von 9,99 Euro (ähnlich wie bei Netflix oder Spotify) gekauft werden.

Bei Blendle ist die Investitionssumme von drei Millionen Euro noch eine relativ überschaubare Summe. Wenn die Plattform allerdings in vielen anderen europäischen Ländern angenommen wird, könnte damit nach dem schwedischen Spotify das nächste große Digitalprojekt aus Europa kommen. Und zwar eines, das vielleicht wirklich eine Revolution für die Zeitungsbranche bringt. Darauf zumindest hoffen die großen Verlage wie Springer und New York Times.

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Der nächste Marc Zuckerberg kommt aus Europa

Logo_fisch+fleisch_RGBJede Branche hat ihre Schwächen, die Medienbranche hat Kongressitis. Kaum eine andere Profession spricht so gern und häufig über sich und den eigenen Untergang. Vergangene Woche erst wieder saßen in München deutschsprachige Medienmacher in großen Runden auf flauschigen Sofas und erzählten sich gegenseitig, wieso was nicht mehr oder nie funktionieren wird. Ein digitaler Streamingdienst à la Spotify oder ein Digitalkiosk à la iTunes sei für die Zeitungsbranche schwer bis gar nicht umsetzbar, war man sich einig. Weil: Zu teuer. Technisch schwierig. Und überhaupt. Die Rache der mutigen Einzelgänger an den voreiligen Medienmachern sind aufgehende Ideen: Just in der Nacht auf Montag wurde bekannt, dass im deutschen Nachbarland Holland gerade so ein iTunes-für-Zeitungen funktioniert. Die Rede ist von dem Startup mit dem zugegeben wenig eingängigen Namen “Blendle”.

Im Frühjahr ging der digitale Kiosk online, in dem Zeitungen und Magazine ihre Inhalte artikelweise verkaufen können. Diesen Bauchladen für Geschichten kann man sich als Mischung aus Spotify und itunes vorstellen: als soziale Plattform, auf der ich mir ein Profil anlegen und Freunden folgen kann, nur läuft der Austausch eben ausschließlich über Inhalte von Zeitungen. Interviews, Kommentare, Berichte, Reportagen. Ein Paradies für Nachrichtenjunkies. Schon kurz nachdem ich von Blendle gehört und mit den Gründern Alexander Klöpping und Marten Blankesteijn geredet hatte, war ich mir sicher, von diesen beiden Herrn und ihrer Geschäftsidee schon bald wieder zu hören. Nur sieben Monate nach dem Start und 130.000 niederländische Abonnenten später haben die ersten großen Medien-Angler angebissen: Die New York Times Company und der deutsche Axel Springer Verlag beteiligen sich gemeinsam zu 25 Prozent an Blendle und investieren drei Millionen Euro. Das ist noch eine relativ geringe Summe in der sonst so für Superlative anfälligen Digitalmedienbranche. Dennoch zeigt sich, ähnlich wie bei dem aus Schweden kommenden Spotify (das heute über 40 Millionen Nutzer hat), dass digitale Innovationen nicht immer und automatisch im Silicon Valley geboren werden müssen.

Noch steht fest, dass nur 20 Prozent der niederländischen Blendle-Abonnenten auch wirklich für Artikel bezahlen, der Rest surft gratis auf der Plattform. Ein Prozentsatz, den Digitalexperten als ungewöhnlich hoch einstufen. Aber natürlich ist längst noch nicht klar, ob Blendle außerhalb Hollands überhaupt Erfolg haben wird. Doch wenn Unternehmen wie die New York Times und Axel Springer freiwillig an Bord gehen, ist das nicht unbedingt das schlechteste Zeichen. Wer weiß, vielleicht kommt der nächste Marc Zuckberg, Steve Jobs oder Bill Gates endlich einmal aus Europa.

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Thomas WeberFoto: Clemens Fabry

Ein guter Tag fährt Straßenbahn

Thomas Weber, Herausgeber der Gratisqualitätsmagazine “The Gap” und “Biorama”, hat ein gar nicht langweiliges Buch zum etwas langweiligen Thema Nachhaltigkeit verfasst.

Die Band Mondscheiner gibt es längst nicht mehr. Unter anderem, weil sich Sänger Manuel Rubey seit einigen Jahren auf die Schauspielerei konzentriert. Trotzdem hätte eines ihrer Lieder das Zeug zur Titelmelodie von Thomas Webers erstem Buch: „Dieser Tag fährt Straßenbahn“ heißt es in dem Gutelaunesong. Er passt deshalb gut zu Webers Ideenfibel, weil er darin beschreibt, was ein guter, umweltschonender Tag ist. Mit der Straßenbahn (oder generell mit öffentlichen Verkehrsmitteln) zu fahren gehört da natürlich dazu.

Der St. Pöltner Residenz-Verlag ist wohl aus mehreren Gründen mit einer Buchanfrage auf Weber zugegangen. Der langjährige Herausgeber des 1997 gegründeten Kultur- und Musikmagazins „The Gap“ ist nicht nur ein profunder Literatur- und Popkenner, sondern interessiert sich auch schon seit Langem – und nicht erst seit der Gründung des Magazins „Biorama“ 2005 – für Themen rund um Landwirtschaft, Tiernutzung und einen ressourcenschonenden Lebensstil. Obwohl er zuerst noch dachte, das Thema Nachhaltigkeit sei nun wirklich schon „totgekaut“, kam ihm dann aber doch schneller als gedacht eine spezielle Buchidee. Vor einigen Jahren hatte er über die Initiative „Ein guter Tag hat 100 Punkte“ des Vorarlberger Unternehmens Kairos und der Designagentur Integral Ruedi Baur geschrieben. Mit einem Koordinatensystem wird dabei „die abstrakte CO2-Verbrauchsmetapher, in der niemand denken kann“, so Weber, verständlich gemacht. Jeder Mensch sollte nur 6,8 kg CO2 pro Tag verbrauchen, um Welt und Klima im Gleichgewicht zu halten. Tatsächlich verbraucht der Industriestaatenbewohner derzeit im Schnitt 450 kg. Aber wer weiß schon, wie viel wir verbrauchen, wenn wir ein Huhn essen, Kaffee trinken, Lift fahren oder uns die Hände beim warmen Luftgebläse trocknen lassen? Das 100-Punkte-System soll dabei helfen, die eigene Tagesbilanz auf der Website einguterttag.org zu berechnen. Ein Huhn aus dem Billigsupermarkt (250 g) schlägt in der Tagesbilanz mit 29 Punkten zu Buche, ein Biohuhn hingegen nur mit 15. Genauso viele Punkte kostet ein Mal Wäschewaschen. Kaffee ist mit vergleichsweise geringen 0,8 Punkten (0,6 bei Biokaffee) eine ressourcenschonende Angelegenheit. Und dass man sich mit der eingangs erwähnten Straßenbahn umweltschonender fortbewegt als mit dem Auto oder Bus, weiß jedes Vorschulkind. Noch weniger Punkte, nämlich null, verbrauchen wir nur beim Radfahren und Zufußgehen.

Hat Weber also nur eine gute Idee gefunden und nacherzählt? So einfach hat er sich das nicht gemacht. Sein Buch basiert zwar auf der Eingutertag-Idee, will aber vor allem Lust auf nachhaltiges Leben machen, frei von Reformhaus-Romantik oder „rustikalem Vintage-Retro-Leben“. Weber zieht seine eigenen Schlüsse und stöberte neue und zum Teil sogar für ihn, den „Biorama“-Experten, unbekannte Initiativen auf, die den nachhaltigen Lebensstil nicht nur erleichtern, sondern auch nach einem schönen Wochenend- oder Urlaubsprogramm klingen. Weber rät etwa, jeder Mensch sollte sich einen Bauern suchen. Also einen Landwirt, bei dem man Obst, Gemüse oder Tierprodukte bezieht und mit dem man auch eine Gesprächsbasis hat.

Bei Webers insgesamt 30 Handlungsanleitungen überraschen gerade jene rund um Haltung und Nutzung von Tieren. Anders gesagt: Strenge Veganer wird Webers Buch vermutlich enttäuschen. Im Kapitel „Zelebriere den Tierfreitag“ erläutert er die Idee von Kochbuchautorin Katharina Seiser, einmal pro Woche bewusst auf tierische Lebensmittel zu verzichten. Den Rest der Woche können Fleisch und Tierprodukte aber ruhig auf dem Speiseplan stehen. Auch die Auseinandersetzung mit der Jagd empfiehlt Weber. „Würden alle acht Milliarden Menschen auf Fleisch oder überhaupt auf tierische Produkte verzichten, hätten wir ein riesiges Problem.“ Pflanzenfressende Nutztiere wie Rinder und Ziegen würden dem Menschen schließlich dabei helfen, Landschaften zu nutzen. Der Mensch kann frisches Gras oder Heu nicht verdauen.

Iss Innereien

Feinschmecker werden den Vorschlag „Iss Innereien“ gern beherzigen. All jenen, die bisher Herz, Leber oder Niere mit Naserümpfen abgelehnt haben, erklärt Weber, wie wichtig es ist, alle Teile eines Tieres zu essen. Überraschend ist auch der Ratschlag „Iss bedrohte Tiere“: „Nur die Pflanzen und Tiere, die wir nutzen, werden wir tunlichst erhalten wollen.“

Ohne erhobenen Zeigefinger oder Insiderangeberei rät Weber also zu unkonventionellen („Miete eine Waschmaschine“ oder „Werde Bauer auf Zeit“) und auch bekannten („Radle zur Arbeit“, „Repariere, anstatt wegzuwerfen“) Nachhaltigkeitsmethoden für den Alltag. Für manche mag das Endprodukt eine „Gutmenschenfibel“ sein. Thomas Weber stört das nicht. „Da ich kein Problem damit habe, als Gutmensch bezeichnet zu werden. Ich weiß nicht einmal, was das ist.“ Zudem ist er selbst nicht in allen Bereichen vorbildlich. „Ich habe ein Auto, aber ich fahre auch Rad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln.“

Kann der zweifache Vater und viel beschäftigte Herausgeber von zwei Magazinen seinem letzten Ratschlag „Lebe intensiver, arbeite weniger“ wirklich folgen? Er versucht es zumindest. Um das Buch zu schreiben, habe er etwa „die WM ausgelassen“. Kein großer Verzicht für den wenig Fußballinteressierten. „Ein Match anzusehen kann Teil eines intensiven Lebens sein, aber manchmal heißt intensiver zu leben auch, auf etwas zu verzichten.“ Schon mehr geschmerzt hat ihn, dass er ein Jahr lang „de facto keine Belletristik“ gelesen habe. Das hole er jetzt nach.

In seinem Buch will Weber den Lesern vor allem klarmachen, dass es sich lohnt, bei Themen wie Jagd, Fleischkonsum, Energieverbrauch oder Freizeitgestaltung genauer hinzusehen und sich die Kreisläufe von Lebensmittelproduktion und Tierhaltung bewusst zu machen. Nicht alles, was sinnvoll oder umweltschonend klingt, ist gut – und umgekehrt.

Buch und Termin:

„Ein guter Tag hat 100 Punkte“ von Thomas Weber (Residenz, 224 Seiten, 18 Euro).

Buchpräsentation am 28.10., 19h, Wien 9, Hartliebs Bücher, Porzellangasse 36.

Thomas Weber, Martin Strele und Katharina Seiser (Initiatorin des „Tierfreitags“) diskutieren.

 (Credit: Clemens Fabry)

 

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Die erste Frau an der Burg: Kunst kann Chefin

Logo_fisch+fleisch_RGB Sensation! Das Burgtheater hat nun also die erste Direktorin seiner auch schon wieder 126 Jahre alten Geschichte. Und tatsächlich waren sich Theaterschaffende und -kritiker selten so einig wie bei der Bestätigung von Karin Bergmann vergangene Woche. Aus der interimistischen Leiterin des Hauses am Ring wird nun die offizielle Direktorin bis 2019. Sie wird mehr als die Chefin für Notfall und Übergang. Abgesehen von Vorgänger Matthias Hartmann und dessen Vertrauten und Rechtsberatern trauen ihr so gut wie alle Kommentatoren zu, die Burg mit ruhiger Hand, wenn auch mit wenig(er) Pomp und Budget aus der Krise zu führen. Aber darum soll es hier nicht gehen. Spätestens mit der Besetzung von Karin Bergmann ist etwas andereres nicht mehr zu übersehen: Die Führungsetagen der österreichischen Kulturwelt sind erstaunlich weiblich. Und das ganz ohne Quote und in einer Branche, die im Grunde noch immer als Männerdomäne gilt. Nicht nur die Burg, auch das Volkstheater wird ab kommendem Jahr mit Anna Badora von einer Frau geführt. Und vor allem im Museumsbereich sind Frauen stark vertreten: So werden mit Sabine Haag (Kunsthistorisches Museum), Agnes Husslein (Belvedere), Karola Kraus (MUMOK) und Gabriele Zuna-Kratky (Technisches Museum) vier der größten und wichtigsten Museen des Landes von Frauen geleitet. Auch kleinere Häuser wie das Jüdische Museum (Danielle Spera), das Salzburger Museum der Moderne (Sabine Breitwieser) und das Bank Austria Kunstforum (Ingried Brugger) haben Chefinnen, die Salzburger Festspiele mit Helga Rabl-Stadler eine nimmermüde Präsidentin.

Wobei wir nicht zu früh jubeln sollten. Denn auffallend bleibt, dass die Frauendichte nur in einigen Kulturbereichen höher und nur im Museumsbereich richtig hoch ist. Die beiden Direktorinnen an Burg- und Volkstheater sind fast eine Premiere, hätte nicht Emmy Werner fast zwanzig Jahre (von 1988 bis 2005) vorgezeigt, dass auch Frauen ein Theater führen können. Weit und breit keine Frauen in Sicht sind zum Beispiel an den Klassikbühnen. An der Staatsoper gibt es nicht einmal eine künstlerische Leiterin. Und die Philharmoniker lassen Frauen gar erst seit 1997 mitmusizieren, bis heute hat das weltberühmte Orchester nur sieben Musikerinnen. Und fällt Ihnen auf Anhieb eine berühmte Dirigentin ein? (Falls ja, bitte melden. Die könnten wir zum Dirigat des Neujahrskonzerts vorschlagen.)

Aber gut, immerhin bei den Museen und Theaterbühnen geht etwas weiter. Bleibt also nur die Frage, wieso es im Kunstbereich leichter ist, Frauen bis ganz oben vordringen zu lassen als etwa im Bankwesen oder im Unternehmensnetz der ÖIAG? Die Politik hat schließlich da (zumindest bei Bundestheatern und Bundesmuseen) wie dort (ÖIAG) mehr als ein Wörtchen mitzureden.

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Adieu Facebook! Hallo Ello, oder was?

Logo_fisch+fleisch_RGBJetzt sind wirklich fast alle da. Der Physikprofessor, der einen in der Oberstufe so gequält hat, die Klassenkollegin aus der Volksschule, die man seither eigentlich nicht vermisst hat, die Gastmutter aus dem Spanisch-Austauschprogramm, ja, sogar der Chef und seine Sekretärin und der Vater der Ex-Freundin. Marc Zuckerberg, der stets so harmlos dreinblickende Gründer von Facebook, hat sie alle angelockt und so existieren im Achtmillionen-Einwohner-Land Österreich mittlerweile auch schon gut 3,5 Millionen Facebook-Konten. Natürlich sind wir auch hier wie überall sonst im Land, nämlich überaltert. Aber auch die Jungen sind hier, ganz anders als gern behauptet wird – oder sind 1,8 Millionen Nutzer unter 30 etwa nichts? Es macht jedenfalls den Eindruck, dass die Unkenrufe vom langsamen Sterben des alles dominierenden Netzwerk etwas voreilig waren. Oder doch nicht? Es könnte sein, dass sich die Facebook-Chatrooms bald in Windeseile leeren werden und Marc Zuckerberg mit seinem börsennotierten Unternehmen Probleme bekommt. Den Eindruck bekommt man zumindest, wenn man den Hype um ein quietschneues Netzwerk beobachtet. Ello heißt die geheimnisvolle US-Plattform, bei der man sich zuerst einmal auf einer Liste eintragen lassen muss, um überhaupt eine Einladung für die Registrierung zu bekommen. Das Logo ist ein schwarzer runder Kreis mit einem weißen Smiley-Strichmund.

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Viel mehr Auskunft kann ich selbst noch nicht geben. Denn ich habe mich zwar, neugierig wie ich bin, sofort auf die Warteliste setzen lassen, werde seither aber nur in regelmäßigen Abständen informiert, dass man sich noch in der Beta-Phase befindet und die eifrig arbeitenden Mitarbeiter von Ello alles daran tun, die unzähligen Anfragen, die seit einiger Zeit eintrudeln, zu bearbeiten. Auch meine Anfrage ist darunter, ich soll mich bitte noch schön brav gedulden. Menschen, die schon eine Einladung erhalten haben, geben unterschiedliche Auskunft. Für die einen zählt vor allem der Reiz, als Erste einen neuen virtuellen Raum betreten zu dürfen. (Es soll übrigens ein schlichter, schwarz-weißer Raum sein.) Für die anderen, die Ehrlichen, ist es in diesem Raum aber vor allem eines: langweilig! Weil da wo sie sind, kaum jemand anderer ist. Manche nennen Ello bereits das „Öko“- oder „Bio-Facebook“. Weil es werbefrei und ohne Sortieralgorithmus funktioniert und sich an den Datenschutz seiner Nutzer hält. Umgekehrt sind die Benutzerregeln etwas lax, so muss zum Beispiel niemand seinen echten Namen eingeben. Es ist also ein Facebook ohne negative Eigenschaften.

Schön, denke ich mir, vor allem, weil ich gelesen habe, dass man zwar wie beim großen, kommerziellen Bruder mit „Friends“ befreundet sein kann. Wenn einem aber die ständigen Updates der Großtante oder des Ex-Kollegen auf die Nerven gehen, gibt es die Möglichkeit, diese Nervensägen in den sogenannten „Noise“-Ordner zu schieben. Dort wo Lärm drauf steht, muss ich aber eben nicht ständig hineinschauen, wenn ich nicht will. Dass das Ello-Like „Love“ heißen soll ist hingegen alles andere als kreativ. Vergeben wir nicht schon bei Instagram und Pinterest virtuelle Liebe in Form von kleinen Herzchen.

Alles in allem bringt mich der plötzliche Ello-Wahnsinn vor allem durcheinander. Und ich frage mich: Warum sind wir auf der Suche nach neuen virtuellen Räumen und wundern uns, dass wir dort alleine sind? Wieso ist immer das Neue, Unbekannte spannend? Und wieso drehen wir nicht unsere Smartphones ab und gehen in den Wald, wenn wir Einsamkeit und Stille suchen? Wieso verbinde ich mich in der digitalen Welt nicht einfach mit wem und wann ich will? Die Freundschaftsanfrage der Ex-Kollegin und des Physikprofessors muss ich nicht annehmen. Auf Facebook nicht und auf Ello nicht. Denn auch dort werden sie hinkommen, wenn alle anderen da sind.

 

Translation:
Adieu Facebook! Hello Ello, or what?
Now they are almost all here. The bullying physics teacher, the classmate from primary school (missed by no one), the host mother from the Spanish forein exchainge programme, even the boss and the ex-girlfriend’s dad.
Marc Zuckerberg, the ever so innocent looking founding father of Facebook, has lured them all in; thus, there are already more than 3.5 million facebook accounts in Austria, a land of a mere 8 million souls. Of course we are in Austria as overaged in Facebook land as we are in the real world. But contrary to popular opinion, the youngsters are here too – 1.8 million Facebook users under the age of 30 are not nothing, right?
All those prophecies of doom about the network’s impending death seem to have been rather rash. Or maybe not? It may be that the Facebook chatrooms will soon empty as fast as a theatre after a fire alarm and Marc Zuckerberg’s market-listed enterprise may tumble into oblivion. This is the impression one gets when observing the hype around a brand new social network. This mysterious American platform answers to the name of Ello and seems to be really exclusive: one even has to sign up to request and invitation to register. The logo is a round, black disc with a white smiley mouth inside.
This is all the information I am able to provide for now. To satisfy my curiosity I have already requested an invitation, but now the only messages I receive are about them being in the beta phase and about their incredibly busy employees who supposedly spend all their time and energy answering the inpouring requests. Mine is among them, thank you for your patience.
People who have received invites give various accounts of their experiences. For some it is all about the thrill of being one of the first to enter this new virtual space. (It is a minimalist, black and white space.) For the others, the more honest ones, this new space is merely one thing: boring. Because there is hardly anyone there. Ello has already been nicknamed the “organic Facebook“ by some. Because it is free of ads and those ominous algorythms that determine who sees what in their timeline. And it abides by privacy policies. On the other hand, the user regulations are a bit lax; for instance, members don’t have to state their real name. So it is like Facebook without the bad stuff. Nice, I think, especially after reading that one can be friends with “friends“, just like in Facebook. But when one is annoyed by a plethora of great aunty’s or the former colleague’s status updates, one has the option to dump the buggers in the so-called “noise folder“. And one is not forced to look at that noise label all the time, either. A little less creative is the Ello version of the “Like“ Button. It is called “Love“. Aren’t Pinterest and Instagram already peppered with virtual, heart-shaped love?
All in all this whole Ello craze triggers mainly one thing for me: confusion. And I ask myself: why do we search for new virtual spaces and are surprised that we are all alone when we get there? Why is it always the new and unknown that excites us the most? Why don’t we turn off our smartphones and venture out into the woods if we are yearning for some quiet time alone? Why don’t we connect with whomever we want, whenever we want in the digital world? I don’t have to accept the friend request by my old physics teacher or the former colleague. Neither in Facebook nor in Ello. Because they will go there too, eventually, when everone else is there.

 

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Ela Angerer: “Wir sollten viel geduldiger mit uns sein”

Die Autorin und Fotografin Ela Angerer erzählt in ihrem Debütroman “Bis ich 21 war” von einer wohlstandsverwahrlosten Kindheit in einem Vorarlberger Schloss. Einiges davon hat sie selbst erlebt. 

Presse am Sonntag.

Soeben ist Ihr erster Roman „Bis ich 21 war“ erschienen. War Ihnen bewusst, dass das Wörtchen „autobiografisch“ auf dem Klappentext Fragen beim Leser auslösen wird?
Ela Angerer: Das Buch ist in der Tonlage einer Halbwüchsigen geschrieben. Damit wird klar, dass nicht alles erfunden sein kann, aber es ist kein Tatsachenbericht. Mir ging es darum, dass wir alle so gut wie nie über das große Thema Kindheit sprechen. Freunde wollen wir damit nicht langweiligen, unsere Eltern wollen wir nicht kränken. Wenn wir darüber sprechen, dann sind es oft nur Allgemeinplätze und das, was von der Familie offiziell zur Wahrheit erklärt worden ist. Sobald Menschen über ihre Kindheit sprechen, fallen Sätze wie Kalendersprüche.

… und der Rest wird beim Psychotherapeuten verhandelt.
Wenn überhaupt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich ganz schön lange an seiner Kindheit abarbeitet. Bei mir hat es 50 Jahre gedauert.

 Sie schildern eine Jugend im materiellen Überfluss, in einem Schloss in Vorarlberg mit viel Personal und noch mehr Foie-gras- und Kaviar-Vorräten im Keller. Sie schreiben von Drogenerfahrungen und sexuellen Abenteuern mit gleichaltrigen Männern und Frauen. Die Frage ist schrecklich platt, aber sie liegt auf der Hand: Was von all dem ist real, was erfunden?
Es ist ein Spiel mit Wahrheiten, die zu einem Kunstprodukt verdichtet werden. Es gibt einen inneren Kern, der entspricht einer Wahrheit, die ich kenne. 

Sie erwähnen, wie lähmend es ist, wenn Menschen nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen. Kennen Sie diese Lebens-Fadesse?
Das kennen, glaube ich, viele, die so wie ich im Bürgertum groß geworden sind. Durch nicht vorhandene Geldsorgen entsteht auch ein großes Vakuum. Viele Menschen wollen darüber nicht nachdenken, wer oder was sie sind und sich lieber ablenken. Besonders für Kinder ist es schlimm, wenn ihnen keine Inhalte vorgelebt werden. Natürlich können die Eltern auch andere Inhalte für wichtig empfinden als man selbst. Das heißt nicht, dass die Eltern falsch oder böse sind, aber man muss sich zu ihnen verhalten, sich gegen sie positionieren, um ein eigenständiger Mensch zu werden. 

Warum hat die Auseinandersetzung mit der Kindheit bei Ihnen so lange gedauert?
Auch ich war lange abgelenkt. Ich hatte einen erfüllten Beruf als Journalistin, habe ein Kind großgezogen. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass mich viele Geschichten aus meiner Kindheit begleiten, und wann immer Stille um mich herum ist, melden die sich. Dem wollte ich nachgehen. Ich war erstaunt, wie lange diese Stimme aus der Kindheit sich meldet. 

Wie sind die Reaktionen auf das Buch?
Ich werde ganz oft gefragt, was meine Mutter zu dem Buch gesagt hat.

Und Sie antworten wie?
Ich sage wahrheitsgemäß: Ich weiß es nicht, weil ich nicht weiß, ob sie es schon gelesen hat. Meine Mutter ist eine sehr intelligente Frau, ich gehe davon aus, dass sie sich von sensationsgierigen Nachbarinnen und Freundinnen nicht verrückt machen lässt, sondern weiß, dass es sich um Literatur und keinen Tatsachenbericht handelt. 

Wie ist das Verhältnis zu Ihrer Mutter?
Kompliziert, und es war auch nicht immer so gut wie es heute ist. Das hat auch mit mir zu tun, weil ich, um mich selber zu finden, auf Distanz zu meiner Mutter gehen musste. Sie ist eine sehr beeindruckende Person, ich musste aus ihrem Schatten treten. Es gehört zu den größten Tabus in unserer Gesellschaft, zu den Eltern und vor allem zur Mutter auf Distanz zu gehen. Ich habe viele Freunde, vor allem Frauen, die jammern, dass sie ihre Eltern treffen müssen. Die sind in meinem Alter und lassen sich bis heute von ihren Müttern terrorisieren. Nur wenige trauen sich zu hinterfragen, ob die eigene Mutter zum engsten Freundeskreis gehören muss. 

Ist das in der nächsten Generation anders?
Mein Sohn ist da viel brutaler, aber ich fordere es auch nicht. Natürlich kann man sagen: Wenn nichts mehr gilt, was hält uns dann noch zusammen, außer die Familie? Ich gehöre eher zu den Menschen, die sich eine Wahlfamilie geschaffen haben. Ich arbeite mich mein ganzes Leben an der Familie ab, liebe meine Mutter aber natürlich. Wenn ich etwas geschafft habe in meinem Leben, dann, dass ich in meiner Familie die erste Frau bin, die für sich selbst sorgen kann. Unsere Mütter, die sich für die Familie entschieden haben, können das nicht verstehen, auch unsere Probleme nicht, weil sie denken: „Hättest halt einen g’scheiten Mann geheiratet und liebe Kinder bekommen.“ 

Was stimmt ist, dass Sie in Vorarlberg aufgewachsen sind. Wie hat Sie das geprägt?
Sehr. Aber es ist ein Unterschied, ob man als Kind von Vorarlbergern in Vorarlberg aufwächst oder – so wie ich – als Kind von zugereisten Wienern. Schon meine Eltern waren dort nicht sehr heimisch, und vielleicht war es deswegen auch für mich schwierig. Meine Theorie ist, dass aus den österreichischen Bergregionen die spannendsten Menschen kommen, weil die Landschaft die Menschen prägt. Die schroffen Berge rufen etwas in einem hervor. Da muss man schon eine Gegenkraft entwickeln, um dem standzuhalten. Nicht umsonst kommen so viele Künstler aus Vorarlberg. 

Wann haben Sie Vorarlberg verlassen?
Mit 18 bin ich nach Wien gegangen. Die Schönheit der Landschaft war mir zu wenig. Ich war auf der Suche nach viel mehr Reibung. 

Und wie war es dann in Wien?
Ehrlicherweise hatte ich am Anfang Angst, U-Bahn zu fahren. Aber sagen wir so: Ich bin sehr schnell heimisch geworden dank dem U4. Ich bin eine von denen, die dort viel Zeit verbracht hat. Da stand man neben Falco oder Helmut Lang am Rand der Tanzfläche und hatte das Gefühl, man ist jetzt bei etwas Wichtigem dabei. 

Stichwort U4. Bis heute zählen Sie zu einer bestimmten Wiener Medien-Kulturblase rund um die Autoren Joachim Lottmann, Thomas Glavinic und Schauspieler Philipp Hochmair. Sehen Sie das auch so?
Ja. Das ist auch der Grund, warum ich zu den Leuten gehöre, die Wien wunderbar finden. Ich war eine Zeit lang viel in Berlin und bin draufgekommen, dass Wien etwas hat, was andere Städte nicht haben. Diese ernsthafte Literatur- und Theatertradition. Hier wird mit einer anderen Ernsthaftigkeit gelebt und über Kunst nachgedacht. In Berlin reicht es, dass man jeden Abend auf irgendeiner Vernissage aufkreuzt, es geht relativ wenig um Inhalte. Hier finde ich, zumindest in dem Umfeld, in dem ich mich bewege, muss man schon etwas zu sagen haben. Zudem sind alle Künstlerfreunde, die ich habe, extrem fleißig.

Sie begeistern vor allem männliche Künstler. Autor Joachim Lottmann schwärmt in seinen Büchern von Ihnen. Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben? Sind Sie Muse?
Muse bin ich sicher nicht. Ich glaube, ich bin einfach eine Gesprächspartnerin, und es gibt Leute, die behaupten, dass ich auch eine sehr gute Freundin bin. Aber ich reflektiere stark auf andere und brauche den Austausch. Ich könnte nie allein auf einer Alm sitzen und ein Buch schreiben. 

Wird es eine Fortsetzung der Geschichte über das Mädchen aus dem Schloss geben?
Ich bekomme sehr viel Post von Leuten, die mir schreiben, sie warten auf eine Fortsetzung. Aber es wäre zu einfach, wenn das nächste Buch den Arbeitstitel hätte: „Bis ich 42 war“. Ich habe schon ein neues Buch begonnen und natürlich fließen da auch wieder eigene Erfahrungen ein. Aber es wird überhaupt nichts mit meiner Biografie zu tun haben.

Was die Menschen zu interessieren scheint, ist, wie jemand mit so einer krassen Kindheit erwachsen wird?
Man wird nicht von einem Jahr zum anderen ein vernünftiger und ausgeglichener Mensch. Retrospektiv kann ich sagen, wir sollten alle viel geduldiger mit uns selber sein, auch mit anderen Menschen, denen wir dabei zusehen, wie sie Irrwege gehen. Mit einer so wie im Buch beschriebenen Kindheit braucht man länger als bis 22, bis man es auf die Reihe kriegt. Mein Glück war, dass ich im Beruf meinen Mann stehen musste als Journalistin. Das hat mein Leben geregelt. Ich bin eine Schulabrecherin. Im Internat habe ich kurz vor der Matura alles hingeschmissen. Ich war also jung und dumm. Später wollte ich allen beweisen, dass ich verlässlich bin und Leistung erbringen kann. Vielleicht ist man mit einer komplizierten Kindheit sehr leistungsorientiert und schafft dann sehr viel. 

Frau Angerer, darf man Sie auch fragen…

1. . . ob die im Buch geschilderten Drogenerfahrungen Ihre eigenen sind?
Ich habe wirklich viele Drogen genommen, aber das ist zwanzig Jahre her. Seitdem habe ich nie wieder etwas angerührt und würde das auch nicht mehr tun. Drogen sind auch eine Suche, man muss nur rechtzeitig damit aufhören.

2… ob Sie dank Ihrer eigenen Erfahrungen bei diesem Thema strenger oder milder mit Ihrem Sohn waren?
Ich hab mich sicher mehr gefürchtet, weil ich wusste, was alles passieren kann. Aber ich habe es meinem Sohn damit auch sehr langweilig gemacht, für ihn war Drogenkonsum keine Grenzüberschreitung. Die Eltern seiner Generation gehen alle noch in Clubs und wissen, wie man einen Joint baut. Damit wird das Thema uninteressant.

3… ob es etwas gibt, worüber Sie nie schreiben würden?
Meinem Sohn habe ich versprochen, dass ich nie über ihn schreiben werde.

Steckbrief

Ela Angerer, (Jahrgang 1964) wächst in Vorarlberg auf, zieht mit 18 nach Wien. Nach einer Lehre für Handdruck beginnt sie im Journalismus Fuß zu fassen, schreibt u.a. für den „Standard“, bis 2013 für den „Kurier“; und fotografiert.

Ab 2010 gibt sie die Reihe „Moderne Nerven“ im Czernin-Verlag heraus. Bisher erschienen „Abwärts“, „Brennstoff“ und „Porno“. Im Rabenhof inszeniert sie die Kurzgeschichten aus „Porno“ für die Bühne. 

Aktuell. Im September erschien ihr Debütroman „Bis ich 21 war“ (Deuticke). Seit Mai betreibt sie die Agentur Mega Kommunikation, die vor allem auf das Erstellen, Optimieren und Betreuen von Websites sowie Social-Media-Maßnahmen spezialisiert ist. Angerer hat einen erwachsenen Sohn und lebt in Wien.
www.elaangerer-fotografie.com

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 05.10.2014)

Categories: Gespräche

LenaDunhamAuthorPhotocreditAutumndeWilde

“Girls”: Jetzt schreibt sie auch noch

Lena Dunhams Buch “Not That Kind of Girl” sollte man wie ihre Serie auf Englisch konsumieren. Hinter den flapsigen Texten über Nacktheit, Hypochondrie, Vergewaltigung und ihre Familie steckt ganz schön viel Weisheit für eine 28-Jährige.

Lena Dunham (Credit: AutumndeWilde)Wer noch Zweifel an Lena Dunhams Herkunft und Erziehung hatte, verliert sie nach Lektüre dieses Buches. Hier plaudert eine junge Frau aus liberalem Manhattaner Künstlerhaushalt, die schon als Dreijährige „mit anderen Töchtern von Downtown-Rebellinnen“ feministische Treffen besuchte, „während unsere Mütter die nächste Demo organisierten“. Sie wächst in einer Familie auf, „die mich liebte und keine größeren Sorgen hatte außer, welche Galerie wir am Sonntag besuchen sollten und ob der Kinderpsychologe bei meinen Schlafproblemen weiterkam“. 

Das, was Lena Dunham hier als wunderbare Kindheit beschreibt, ist Grund für viele, die 28-Jährige nicht ernst zu nehmen oder gar zu verachten. Weil eine wie sie vom echten Leben nichts verstehen könne. Auf der anderen Seite gibt es viele, vor allem Frauen aller Altersstufen, die sie verehren. Vielleicht weil sie erkennen, dass man nach einer solchen Kindheit auch eine ganz andere hätte werden können. Oberflächlich, faul, sich auf Geldpolster und Ruhm der Künstlereltern ausruhend oder aus Mangel an existenziellen Problemen sich auf die Perfektion ihres Äußeren konzentrierend.

„Mein Boss bin ich“
Stattdessen hat Dunham neben gesundem Selbstbewusstsein offenbar auch viel Gescheites von ihren Eltern mitbekommen, früh zu schreiben und drehen begonnen und als 24-Jährige mit „Girls“ eine der spannendsten Serien über junge Erwachsene im Manhattan der 2010er-Jahre erfunden. In der spielt sie nicht nur die Hauptrolle, sondern zeigt auch einen ungezwungen Umgang mit ihrem nach Hollywood- oder Prêt-à-porter-Maßstäben alles andere als perfekten Körper und dem Thema Sex. Auch das übrigens brachte ihr gleichermaßen Kritik wie Lob ein. Schauspielerin Mia Farrow etwa forderte nach dieser einen, ganz besonderen „Girls“-Folge (Staffel Zwei), in der Dunham nur in Unterhosen Tischtennis spielt und mit einem makellosen Mann schläft, via Twitter einen Golden Globe für Dunham.

Den Preis hat sie ein Jahr später wirklich bekommen, und der Nacktheit widmet Dunham in „Not That Kind of Girl“ sogar ein ganzes Kapitel. Dass sie sich so gerne nackt zeigt, ist wohl ebenso Folge einer liberalen Kindheit als auch einer Fotografen-Mutter, die mit ihrem eigenen Körper experimentierte. Als Lena als junger Teenager in den Ferien mit einem gleichaltrigen Freund Fahrrad fuhr, kam es ihr unfair vor, dass sie T-Shirt trug und er nicht. „Ich hielt an, zog mein T-Shirt aus, und wir strampelten schweigend weiter.“ Eine Szene, die aus „Girls“ stammen könnte. Dass sie in ihren Filmen oft nackt ist und Sex-Szenen dreht, verschaffe ihr auch eine Form von Kontrolle über Set und Szene. „Doch ich tue es vor allem, weil mein Boss es von mir verlangt. Und mein Boss bin ich.“

Natürlich muss man Lena Dunhams vordergründig oberflächlichen Plauderton mögen, vor allem weil man zwischen den bisweilen flapsigen Nonsense-Sätzen gern die tiefgründigeren über Selbstachtung, Verlust und den Umgang mit dem eigenen Körper überliest. Es lohnt sich also mehr als sonst, das Buch – so wie übrigens auch die Serie – im englischen Original zu konsumieren. Obwohl die deutsche Ausgabe soeben fast zeitgleich mit der englischen erschien, lesen sich Dunhams Aufzeichnungen im Original authentischer. Dass bei der Übersetzung die feinen Zwischentöne verloren gehen, zeigt schon der Untertitel: Aus dem Englischen „A young woman tells you what she’s ,learned‘“ wird im Deutschen die ironiefreie Version „Was ich im Leben so gelernt habe“.

Entbehrlich sind die Buzzfeed-Listen
Schon 2012 unterschrieb Dunham den 3,5-Millionen-Dollar-Vertrag mit Random House. Dem Druck, den eine solche Summe auslösen muss, hielt sie stand und lieferte eine bunte, ziemlich ehrliche Erzähl-Collage einer starken jungen Frau, die ihre Jugend und ihr junges Erwachsenenleben reflektiert. Entbehrlich sind nur die an Buzzfeed erinnernden Listen wie „15 Dinge, die ich von meiner Mutter gelernt habe“ oder „die Top Ten meiner Ängste in Sachen Krankheiten“. Doch apropos Krankheit. Neben den Erfahrungen mit „Fieslingen“, auf die sie früher reinfiel und von denen einer sie vergewaltigte, schildert sie ihre frühe Besessenheit vom Tod und die Therapien, die sie aufgrund ihrer Zwangsneurose und ihrer Angstzustände macht. Auch eine behütete Kindheit lässt genug Platz für Irregularien und Abnormitäten. Eine der berührendsten Geschichten ist die über das Coming-out ihrer jüngeren Schwester Grace, das sie zwar unerlaubt der Mutter verrät, an der aber das besonders liebevolle Verhältnis in der Familie spürbar wird.

Längst ist Dunhams Ruhm so groß, dass selbst ihr freundlich gesinnte Menschen genau beobachten, ob sich die Frau verbiegen lässt, etwa plötzlich radikal abnimmt. Bis auf die Aufregung um eine Fotostrecke in der „Vogue“, in der Dunham sichtbar schlanker und makelloser aussah als real, war das bisher nicht der Fall. Ihr Buch hat sie neben ihrer Familie der 2013 verstorbenen (Drehuch-)Autorin Nora Ephron („Harry und Sally“) gewidmet. Mit dieser wird sie nun gern verglichen. Dabei ist Dunham, ganz wie ihre „Girls“-Protagonistin Hanna Horvath sagt, „eine Stimme einer Generation“ – und daher eigentlich unvergleichbar mit den vielen Stimmen früherer Generationen.

ZUR PERSON

Lena Dunham, geboren 1986 in New York City, die ältere von zwei Töchtern des Malers Carroll Dunham und der Fotografin Laurie Simmons. Sie begann schon früh Texte zu schreiben, studierte Kreatives Schreiben am Oberlin College. Mit ihrem ersten Langfim „Tiny Furniture“ machte sie erstmals auf sich aufmerksam. Seit 2012 ist sie Drehbuchautorin, Produzentin und eine der vier Hauptdarstellerinnen in der HBO-Serie „Girls“. Staffel vier wird Anfang 2015 ausgestrahlt. Das Buch „Not That Kind of Girl“ erschien soeben auf Englisch bei Random House und am Dienstag auf Deutsch bei S. Fischer (Übersetzt von Sophie Zeitz und Tobias Schnettler, 304 Seiten, 20,60 Euro). Random House bezahlte Dunham im Vorfeld ein 2,8 Millionen-Euro-Honorar.

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