Depression auf Twitter: Mehr als nur traurig

Logo_fisch+fleisch_RGB Dieser Text wird kein Gute-Laune-Text und das obwohl seit Dienstag Fasching ist. Denn es geht um folgendes: Seit kurzem werden auf Twitter ziemlich traurige und nachdenkliche Nachrichten verbreitet. Mit dem Hashtag #notjustsad teilen depressive Menschen ihre Erfahrungen mit dieser psychischen Krankheit. Das liest sich dann in etwa so: „Wenn man dir unterstellt, dass du dich nur in den Mittelpunkt drängen willst. #notjustsad“, „Wenn du meinst zu ertrinken, während alle um dich atmen können #notjustsad“ oder „Mein Leben ist mehr als okay und ich bin trotzdem depressiv. Nur, weil ich alles habe, was ich brauche, muss es mir nicht gut gehen.“ Ausgelöst hat diese Bekenntnis-Reihe die deutsche Bloggerin Jana Seelig, die sich auf Twitter Jenna Shotgun (@isayshotgun) nennt. Weil sie sich wieder einmal von irgendjemandem anhören musste, sie solle sich nicht so gehen lassen, reagierte sie mit einer Reihe von Tweets, wie sie Süddeutsche.de erzählte.

Darin schilderte sie ihren Alltag mit Depressionen, die bei ihr mit 22 Jahren nach langer Ursachensuche diagnostiziert wurden. Und prompt wurde ihre Tweet-Serie bemerkt, favorisiert und retweetet; eine andere Twitternutzerin brachte schließlich den Hashtag #notjustsad auf, der bereits seit 2011 vereinzelt in englischsprachigen Tweets zum Thema auftaucht. Quasi über Nacht und wie schon beim Anti-Alltagssexismus-Aufruf #Aufschrei im Vorjahr hat das deutschsprachige Twitterland eine Aufmerksamkeitskampagne mit sehr ernstem Hintergrund, der sich 48 Stunden später auch in den klassischen Medien wiederfindet. Die Sache mit der Depression ist seltsam. Obwohl von Zeit zu Zeit prominente oder spektakuläre Fälle von depressiven Menschen, die sich das Leben nehmen, durch die Medien geistern, ist das Thema immer noch Tabu.

Wenn sich nicht gerade ein Star wie Robin Williams oder ein bekannter Finanzmanager das Leben nimmt und sich die Öffentlichkeit, wie derzeit, an den deutschen Tormann Robert Emke erinnert, der sich vor exakt fünf Jahren das Leben nahm, wird Depression kaum angesprochen. Das Thema geht verloren zwischen den inflationären Berichten über Burnout-Kliniken oder Digital-Fasten und der verständlichen Angst, durch Suizid-Berichte Nachahmer zu animieren. Daher ist die #notjustsad-Aktion prinzipiell gut, rückt sie doch eine weit verbreitete Krankheit ins Rampenlicht. Wenn wir auf diesem Weg erfahren, dass vier Millionen Deutsche und 400.000 Österreicher davon betroffen sind.

Und wenn darüber informiert wird, wie und wo man sich helfen lassen kann. Wenn Betroffene durch die Schilderungen anderer zwar nicht richtig aufgemuntert werden, aber zumindest für kurze Zeit das Gefühl bekommen, dass sie nicht allein sind. Und wenn darüber aufgeklärt wird, dass Depressionen manchmal besser werden oder sogar ganz verschwinden können. Dennoch hinterlässt die Aktion auch ein paar Fragen: Ist wirklich jeder Tweet eine authentische Schilderung eines depressiven Menschen? Wo verläuft die Trennlinie zwischen einer durch ein punktuelles Ereignis ausgelösten Verstimmung und der klinisch diagnostizierten Krankheitsform? Und dann sind da natürlich die Trolle, die schimpfen und wettern. Weil sie mit dem „Psychomüll“ der anderen nicht behelligt werden wollen oder manchen #notjustsad-Twitterern Effekthascherei oder Jammerei unterstellen. Andere fragen obergescheit: „Schon wieder eine Kampagne der Pharmaindustrie im Gange“?

Die Bloggerin Ada Blitzkrieg, alles andere als ein Troll, aber zumindest ehrlich, stellte fest, sie fühle sich statt besser nur noch trauriger, wo sie jetzt wüsste, „dass alle anderen auch depressiv sind“. Wobei „alle anderen“ auch wieder eine Übertreibung ist. Die Tweets können Betroffenen vielleicht eine Ablenkung oder das Gefühl vermitteln, nicht allein mit ihrer Krankheit zu sein. Und allen anderen in Erinnerung rufen, dass hinter jedem noch so mutig-frechen, pointierten Twitterer in erster Linie ein Mensch steht, der Schwachstellen hat. Doch um das Thema Depression zu enttabuisieren, braucht es mehr als ein paar tausend Kurznachrichten und eine gemeinsame Klammer, zB Texte über Therapieformen und Adressen für Hilfesuchende. Die aktuelle Hashtag-Parade kann aber jedenfalls ein guter Anfang sein. Was meint ihr?

Hilfe bei Depressionen oder Suizidgedanken:

Psychiatrische Soforthilfe: 01/31330 rund um die Uhr, http://www.psd-wien.at/psd/

Telefonseelsorge (Rufnummer 142) ist kostenlos

Kriseninterventionszentrum Wien: 01 / 406 95 95  (Mo-Fr: 10 – 17 Uhr); www.kriseninterventionszentrum.at

Für Kinder und Jugendliche: Rat auf Draht (Rufnummer 147)

in Deutschland: Deutsche Depressionshilfe: kostenlose Hotline unter 0049 (0)800-3344533

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