Phänomedial: “Downton Abbey” und der “Below-Stairs-Schick”

Oxford Diaries. Beobachtungen aus der britischen Medienwelt. Teil I: Wie die Briten das Leben im Untergeschoss entdecken.

Woran man erkennt, dass man in einem angloamerikanischen Land ist? Neben nicht funktionierenden Heizungen und viel zu viel nackter Haut, die man trotz Nieselregens und 10 Grad Außentemperatur zu Gesicht bekommt, in erster Linie an der leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit Serien. Ich weile zwar nicht in der Wiege der TV-Serie, den USA, stelle aber fest, dass auch die Briten einen großen Hang zur Neverending Story am Schirm haben. Da prangt “Homeland”-Figur Bic Brody (Schauspieler Damian Lewis) auf dem Titelblatt des Wochenendmagazins des “Guardian”, nur wenige Tage davor, an einem ganz gewöhnlichen Mittwoch, bringt das Blatt in seiner täglichen Beilage “g2″ einen Schwerpunkt zur Krise der Seifenopern-Serie à la “East Enders” oder “Coronation Street” (“Soaps are like printed newspapers or the British Monarchy – the only question is qhen they will do the equivalent of stopping the presses…”) und schon in der Früh um acht wird in einer BBC-Radioshow eine Stunde lang über die jüngste Folge von “Downton Abbey” diskutiert als ginge es um den Ausgang der nächsten Parlamentswahlen.

Apropos “Downton Abbey”: Die Briten sind besessen von der Serie rund um die adelige Familie Cowley und deren Bedientesten. Sonntagabend um 21 Uhr läuft sie bereits in der vierten Staffel und ihren großen Erfolg verdankt sie auch der Tatsache, dass es in England keine “Am-Sonntag-schauen-wir-Tatort-Tradition” gibt. Offenbar haben die Briten eine Welt wiederentdeckt, die trotz Monarchie und jüngster Baby-Prinz-George-Euphorie jahrzehntelang völlig verdrängt wurde: The Life Below Stairs, also das Leben im Untergeschoss. Unzählige Bücher erzählen vom zum Teil katastrophalen Leben der Dienstmädchen, Nannies und Butler bei wohlhabenden und aristokratischen Herrschaften. Aber nicht nur die Verlage sind auf den Below-Stairs-Schick aufgesprungen, auch die Einrichtungshäuser und Souvenierläden. 

Dort bekommt man nun Putz- und Küchenutensilien, die nicht einmal mehr die eigene Großmutter benutzt hat. Teppichklopfer, Scheuerbürsten und Staubwedel in Retro-retro-Optik sind genauso in wie Badeschüsseln, Puderdosen und Stecktücher. In den Souvenirläden diverser Paläste und Schlösser wurden ganze Abteilungen nach dem Motto “Below Stairs” eingerichtet. Für die Briten ist die Serie mit all ihren Begleiterscheinungen auch ein Stück Vergangenheitsbewältigung. Immerhin waren 1911 mehr als 1,3 Millionen Menschen in England und Wales “unter den Stufen” als Bedienstete vor allem in Mittelstandsfamilien von Ärzten oder Rechtsanwälten tätig. Erst der Ausbruch des Ersten Weltkriegs beendete die Dienstbotentradition für die Masse, nur mehr die sehr reiche oder sehr adelige Oberschicht leistete sich Angestellte – und tut es bis heute. 

“Downton Abbey” trägt also dazu bei, dass sich die Briten an ihre Groß- und Urgroßeltern erinnern und die Nostalgie führt stellenweise sogar dazu, dass die Landflucht kurzzeitig gestoppt wird. Zumindest im 2500-Seelen-Ort Bampton in West Oxfordshire wollen die Jungen plötzlich lieber in der Heimat bleiben. Hier wird der Großteil von “Downton Abbey” gedreht, was die Grundstückspreise rasch steigen ließ. Eine weitsichtige Immobilienfirma hat im Frühjahr mehrere Grundstücke gekauft und will dort schnell bis zu 300 neue Häuser errichten, die günstiger als die bestehenden sein soll.

Diese Identifikation mit einer Serie ist für Österreicher mitunter schwer vorstellbar. Den Ort “Braunschlag” gibt es gar nicht, somit kann niemand dort hinziehen, wobei das vermutlich ohnehin keiner wollen würde. Und auch von einer massenhaften Übersiedlung nach Kaisermühlen Ende der 1990er-Jahre ist mir bis heute nicht bekannt. Die liebste Serie der Österreicher war damals aber der gleichnamige “Blues”. 

Hinweis: Seit 10. Oktober darf ich dank dem Alfred-Geiringer-Stipendium der Austria Presse Agentur ein paar Monate in Oxford am Reuters Institute for the Study of Journalism studieren und neue Ideen sammeln. Hier möchte ich in den kommenden Wochen meine Erlebnisse und Erfahrungen teilen.

Categories: Blogs