Judith DenkmayrFoto: Clemens Fabry

Löschen oder liken

Die neuen Geschäftsbedingungen von Facebook verunsichern manche Nutzer. Dabei seien sie nicht neu, sagen Experten und geben Tipps, wie man mit der Datensammelei leben kann.

„Folgen, posten, hiden, hosten/ich muss ins Netz, bin am Verdursten/Ich muss Freunde filtern, Bild aus, Bild an/Ich muss Jesus liken, Learjets ordern.“ So singen die Krawallmacher der Hamburger Band Deichkind in ihrem neuen Lied „Like mich am Arsch“. Es ist eine spaßige Digitalkritik, die unser Verhalten in sozialen Netzwerken verblödelt. Aber selbst bei den humorig-intelligenten Texten von Deichkind kommt ein Aspekt der Social-Media-Nutzung gar nicht vor: nämlich das, was Unternehmen wie Facebook, Google und Co. hinter unserem Rücken mit unseren Daten machen.

Seit wenigen Tagen erntet Facebook vor allem in Europa wieder Kritik. Mit 1. Februar hat der Social-Media-Riese, der in Österreich mittlerweile mehr als 3,4 Millionen Nutzer hat, seine allgemeinen Geschäftsbedingungen geändert. Ab sofort wertet Facebook auch die Daten seiner Nutzer von WhatsApp und Instagram aus und führt sie mit Ergebnissen von GPS-, Bluetooth-, Wifi- und Zahlungsvorgängen zusammen. So will es den Nutzern noch gezielter Werbung anbieten. Zwar hat Facebook diese Ausweitung seiner Datensammelaktivitäten angekündigt, doch das bedeutet nicht, dass die AGB auch Geltung haben. Wie schon bisher setzt sich das Silicon-Valley-Imperium von Marc Zuckerberg darüber hinweg und geht davon aus, dass jeder User den neuen AGB automatisch mit der Nutzung des Netzwerks zustimmt.

Digital Detox? Vergangene Woche listeten Foren und Blogs zahlreiche Ratschläge auf, wie man sich gegen den Datenzugriff von Facebook wehren kann. Doch fragt man bei Digitalexperten genauer nach, erklären sie einem: Machen könne man dagegen eigentlich nichts. Judith Denkmayr, Gründerin der auf Social Media spezialisierten Wiener Agentur Digital Affairs, sagt: „Wenn ich im Internet bin, muss ich davon ausgehen, dass ich beobachtet werde und Spuren hinterlasse.“ Die Aufregung um die AGB-Änderung von Facebook kann sie zwar nachvollziehen, doch gibt sie zu bedenken, dass sich die öffentliche Kritik stets auf die großen Unternehmen Google und Facebook konzentriert. Dabei werde außer Acht gelassen, dass so gut wie alle Internetunternehmen mittels Cookies und über andere Plattformen an Daten der Internetnutzer herankommen. „Facebook und Google sind zwar die großen Mächtigen, die unter besonderer Beobachtung stehen, aber andere Unternehmen machen es deswegen nicht weniger.“

Was also soll man tun, aussteigen oder radikales Digital-Detoxing betreiben? Judith Denkmayr hat einen anderen Zugang: „Wir müssen lernen, damit umzugehen.“ Denn auch, wenn es durchaus Sinn ergeben würde, nicht mehr mit dem Handy zu telefonieren, wenn man glaubt, dass das schädlich für das Gehirn ist, sei das einfach nicht praktikabel. Jeder Einzelne müsse sich selbst fragen, wie wichtig ihm Datensicherheit ist, wie viel Informationen er von sich preisgeben will. Es kann beispielsweise aufschlussreich sein, sich auf Facebook unter den Einstellungen eine Kopie der gespeicherten Daten zuschicken zu lassen. Allerdings gilt zu bedenken: Vieles, was dort gespeichert ist, ist überhaupt nicht relevant oder nützlich für Facebook. Und noch etwas sei vielen Nutzern nicht bewusst, sagt Denkmayr: „Es bringt mir auch nichts, wenn ich nicht meinen echten Namen angebe. Facebook ist mein Name nämlich egal, die Daten sind viel wichtiger.“

Nicht neu. Auch Max Schrems, der österreichische Jurist, der seit Jahren datenschutzrechtlich gegen Facebook vorgeht, versteht die Aufregung um die jüngste AGB-Änderung nicht recht. Dass Facebook auch Daten von Drittseiten auswertet, hat er bereits 2011 angezeigt. Zudem würde Facebook jedes halbe Jahr seine Geschäftsbedingungen ändern.

Auch er sagt, ähnlich wie Denkmayr: „Entweder man wird Einsiedler und benutzt das Internet nicht mehr, oder man lebt mit dem Bewusstsein, dass das eigene Tun gespeichert wird.“ Und er räumt mit einer weit verbreiteten Mär auf: Jeder Nutzer kann seine Einstellungen auf Facebook so programmieren, dass andere Menschen möglichst wenig von der eigenen Aktivität mitbekommen. Es habe auch Sinn, sich mit diesen Einstellungen genauer zu beschäftigen. Doch was den meisten nicht bewusst ist: „Auch wenn ich alle meine Aktivitäten nur für mich sichtbar mache, liest einer immer noch mit: Facebook!“ Man könne also verhindern, dass Freunde oder Fremde Postings lesen oder hochgeladene Fotos sehen können, ebenso kann man abstellen, Werbung zu sehen, „aber die Datensammelei von Facebook kann ich nie ausschalten.“ Ebenso unmöglich zu verhindern ist es, dass Facebook und andere Unternehmen über meine Freunde, also Dritte, Daten von mir sammeln. Denn die meisten Apps greifen mittlerweile auf die Kontakte der Smartphone-Nutzer zu. Wenn ich also in geschätzten 100 Adressbüchern von Bekannten und Freunden gespeichert bin, tauche ich in hunderten Apps auf.

Auch wenn es etwas abgeklärt wirkt, was die Digitalexperten proklamieren, sind Denkmayr und Schrems naturgemäß skeptisch gegenüber Facebook. Noch dazu, weil sich das börsenotierte Unternehmen gerade von einem sozialen Netzwerk zu einem allgemeinen IT-Anbieter wandelt, der vor allem eines will: noch mehr Geld verdienen. Die „New York Times“ beschrieb das Netzwerk mit einem laut bellenden Hund, der auf einen zurennt, von dem man aber nie genau sagen könne, ob er mit einem spielen oder einen fressen wolle. Für Denkmayr stellt sich die Frage, ob Facebook es sich wegen der ständigen AGB-Änderungen und Algorithmusspielereien „nicht irgendwann mit seinen Usern verscherzen wird“. Doch wie gesagt: All die anderen Internetriesen machen es nicht viel anders.

Credit: Clemens Fabry

(Presse am Sonntag, 8.2. 2015)

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