Plädoyer für das Zusammenbleiben

Berg_24760_MR1.inddEine Ehe nach 20 Jahren, eine Affäre (der Frau) und ihren ungewöhnlichen Ausgang schildert Sibylle Berg in ihrem neuen Roman. Bitter, sehr real, aber auch humorvoll.

Rasmus und Chloe sind eine Einheit und das schon seit zwanzig Jahren. Auch wenn in ihrer Liebe von Beginn an „jenes Moment fehlte, da man sich tödlich im anderen auflösen will, rasend auf seine Bettwäsche ist“, hat es das Intellektuellenpaar gut miteinander. Er arbeitet als erfolgloser Theaterregisseur, sie lebt an seiner Seite, ohne den Drang, etwas Eigenes zu schaffen. Sie haben sich aneinander gewöhnt, an Mundgeruch, grau werdendes Schamhaar und die fehlende sexuelle Anziehung. Doch die Krise beginnt, als sie sich für einen längeren Zeitraum in ein Land „mit suboptimaler Einkommensstruktur“ begeben. Ein Dritteweltland dessen Namen wir nicht erfahren, in dem Rasmus ein Theaterprojekt leitet.

Dort begegnet Chloe eines Nachts dem rothaarigen, um einiges jüngeren Masseur Benny und verliebt sich in Sekunden in ihn. Doch dort, wo Geschichten über außereheliche Abenteuer und Trennungen sonst enden, geht Sibylle Bergs Roman „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ weiter. Das Paar reist zurück in ihr deutschsprachiges Ersteweltland, der bis dahin stumme Benny kommt wenige Wochen später nach und schläft auf dem Sofa der ehelichen Schichtbetonwohnung. Ist Ehemann Rasmus zuerst noch vor Schmerz erstarrt, beginnt er die Affäre seiner Frau nach und nach anders zu sehen: „Das Konzept der Ehe darf man doch mal überdenken, oder? Was spricht dagegen, dass die Person, mit der ich nicht verwandt bin, ein wenig Spaß hat? Gehört sie mir, weil wir ein Papier unterschrieben haben?“

Dreier-WG auf Zeit. Während also seine Frau im Wohnzimmer sexuelle Abenteuer mit ihrem Liebhaber hat, sogar Rasmus’ Mutter Gefallen an dem exotischen Mann aus der Fremde findet, entsteht eine skurrile Wohngemeinschaft zwischen den dreien. In ihrer unverkennbar direkten Sprache arbeitet sich Berg auch in diesem Roman an ihren Lieblingsthemen ab: am körperlichen Verfall der Menschen, an der Tragödie des Alterns („Es wird schlechter, egal, was uns die Krankenkassen erzählen von einem erfüllten Alter. Die Menschen sind für die sogenannte zweite Lebenshälfte nicht geplant.“) und an der Frage, ob Sex lebensnotwendig ist oder nicht. Sie habe, erzählte Sibylle Berg vergangene Woche in der Sendung „Willkommen Österreich“ so viele Menschen in ihrer Umgebung gesehen, die sich irgendwann aus ihren sicheren Beziehungen begeben hatten, weil sie glaubten, mit einem neuen Mensch würde alles anders und lebendiger werden.

Im Roman lässt sie Chloe und Rasmus in abwechselnden Monologen über ihre Ehe, die Affäre und das Leben nachdenken. Das ist in diesem typisch Berg’schen Ton, direkt und hart, alles andere als tröstlich, aber sehr treffend. Sex wird bei ihr mitunter zu einer ekelhaften Sache. Chloe muss irgendwann erkennen, dass sie wenig mit ihrem Liebhaber Benny verbindet als die Körperlichkeit und auch diese Anziehung lässt irgendwann nach: „Wann ist meinem Unterleib die Sache nur dermaßen entglitten? Ich hatte doch gedacht, nie, nie würde mir passieren, was ich bei anderen Paaren so verabscheute. Der Verrat am Freund, nur um die Geschlechtsteile wieder zu benutzen.“

Letztlich ist Bergs Roman ein Plädoyer für das Zusammenbleiben. In treuen wie in untreuen Zeiten.

Termin: Die Autorin liest mit Dirk Stermann aus ihrem neuen Roman. Musik: Gustav. 15. März, Rabenhof, 20 Uhr.

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