American Times: Sechs Wochen in “Greater New York”

Episode 1. Wie der Times Square zu seinem Namen und ich zum Wall Street Journal kam und weshalb ich Rupert Murdoch für ein Mittagessen danken muss.

Seit fast drei Wochen bin ich nun in New York stationiert und darf den Newsroom des “Wall Street Journal” meinen temporären Arbeitsplatz nennen. Well, der Newsroom ist dort mehr als ein “Room”. Er erstreckt sich nämlich über vier Stockwerke. In den Floors 4 bis 7 des ziemlich schmucklosen Wolkenkratzers auf Nummer 1211 Avenue of the Americans (oder einfacher: der 6th Avenue), in dem die News Corporation ihren Sitz hat, ist die Redaktion der 1889 gegründeten Zeitung untergebracht, die Stockwerke sind über Stiegenaufgänge miteinander verbunden. Hier sitzt der Großteil der insgesamt 1700 Journalisten, die für das “Journal” (gesprochen: “dschörnal”) arbeiten, wie es die New Yorker salopp nennen.

Meinen sechswöchigen Arbeitsaufenthalt verbringe ich zur Hälfte in der sogenannten “Arena Section”, der täglichen Beilage, die Themen rund um Gesundheit, Wissenschaft und Kultur abdeckt. Den zweiten Teil werde ich im Ressort “Greater New York” arbeiten. Das ist eines der jüngsten Ressorts des Blattes, gegründet 2010, um das Journal noch stärker vom Special-Interest-Blatt für Wirtschaft und Finanzen zu einer klassischen Tageszeitung zu machen, die eben – wie die größte Konkurrenz, die “New York Times” –  auch das Stadtleben in New York abdeckt. Apropos, zwei Dinge zum Namen der Zeitung noch: Ganz korrekt schreibt man das “Wall Street Journal” mit einem Punkt am Ende des Namens, der gehört nämlich zur Marke dazu. Fällt niemandem auf, so wird es aber auf jeder Titelseite und auch in der Onlineversion immer geschrieben. Und wer sich wundert, dass das Journal nicht, wie der Name sagt, an der Wall Street residiert, dem sei gesagt: Bis vor wenigen Jahren war das Blatt tatsächlich dort beheimatet.

It’s on Rupert, darling! 

Seit der australische Medienmogul Rupert Murdoch und seine News Corp 2007 die Mehrheitsanteile am Journal und dem Mutterkonzern Dow Jones um fünf Milliarden Dollar übernommen haben, hat sich das Blatt stark verändert. Allerdings anders, als Kritiker und Mitarbeiter erwartet oder gefürchtet hatten. Die auflagenstärkste Zeitung der USA (rund zwei Millionen Stück täglich) ist mittlerweile vor allem für New Yorker zu einer wichtigen Stadtzeitung, für manche Erst- oder Zweitlesequelle geworden. Es ist schwer begfreibar, dass in ein und demselben Konzern, die boulvardeske, teils hetzerische Zeitung “New York Post” und ein konservatives Qualitätsblatt wie das Journal erscheinen können. (Andererseits bei Springer geht das mit “Bild” und “Welt” ja auch.) Als nun Papst Franziskus zu Besuch in New York war, widmete die Post diesem Ereignis nicht nur sehr viele Seiten mit sehr viel gschmackigen Reportagen, sondern benannte sich auch gleich in “New York Pope” um. Im Redaktionsalltag des Journal spielen Murdoch und seine Skandale aus der Vergangenheit (2011 wurde die britische “News of the World” nach einem Abhörskandal eingestellt) kaum eine Rolle. Sagen die Kollegen zumindest. Geredet wird jedenfalls nicht darüber. Nur als mich eine Kollegin aus dem Greater New York-Ressort an meinem ersten Tag auf ein Mittagessen im nahen Theater District einlud und ich mich vielleicht etwas zu überschwänglich bedankt habe, erwiderte sie trocken: “No worries, it’s on Rupert, darling.”

Ich bin nicht zum ersten Mal in der Stadt. Ein Familienbesuch hat mich schon als Fünfjährige an der Hand meiner Eltern hierher geführt, wobei meine Erinnerungen daran sehr blass sind. Zum ersten Mal länger hier war ich im Rahmen eines Austauschprogramms mit einer Schulklasse der Abraham Lincoln High School in Brooklyn. Meine prägendste Erinnerung daran ist der bullige Klassenkollege in stilechten Baggypants, der meinte, einer seiner Cousins sei RZA (oder war es GZA?) vom WU-Tang Clan. Ich hab das freilich nie geprüft, aber als glühende Rap-Anhängerin hat mich das damals sehr beeindruckt. Erstaunlicherweise kam ich trotzdem erst 13 Jahre später wieder und staunte, wie sehr sich die Stadt verändert hat. Und selbst in den vergangenen vier Jahren seit meinem letzten Besuch hat sich wieder viel bewegt. Es gibt jetzt Citybikes! In New York! Das U-Bahn-Fahren hat sich verbessert, sieht man von den schweißtreibenden Sauna-Temperaturen in manchen U-Bahn-Stationen ab. Es gibt weniger Wartezeiten, kostenloses W-Lan in vielen Stationen (zumindest in Manhattan) und selten unerträglich überfüllte Züge – nur eiswürfelkalt, das sind sie wirklich immer. Und ja, ein außergewöhnlich guter Tag in New York beginnt immer noch mit einem Sitzplatz in der U-Bahn oder zumindest mit einem Platz an einer Haltestange.

Zum Reisen gehört für mich vor allem eines: Magazine und Zeitungen kaufen – mit sehr guten, rudimentären, aber auch mit gar keinen Sprachkenntnissen. Seit der Digitalisierung der Medien und weltweit abrufbarer Abos auf Tablets und Smartphones hat das zwar ein bisschen seinen Reiz verloren. Den “New Yorker” oder das “New York Magazine” lese ich aber noch immer lieber auf Papier. Umso mehr fällt mir auf, wie sehr die Zeitungen aus dem Stadtbild verschwunden sind. Gratisblätter spielen in New York faktisch keine Rolle mehr, zumindest sieht man sie nicht. Und die “Newsstands”, also die Zeitungskiose, sehen irgendwie anders aus. Sie sind nicht nur viel weniger geworden, auch die Ware, die ihnen den Namen gab, macht meist nur mehr einen sehr kleinen Teil ihres Sortiments aus. Der Newsstand ist nicht mehr dazu da, Zeitungen und Magazine zu verkaufen, sondern Getränke, Snacks und Lottoscheine. Der moderne Newsstand, das sind die sozialen Netzwerke und Newsletter, in denen Medien ihre neuesten Geschichten anpreisen.

Wie der Times Square zu seinem Namen kam

New York, das ist längst so viel mehr als Central Park, Rockefeller Center und Empire State Buildung. Es soll Besucher geben, die die klassischen touristischen Attraktionen völlig auslassen und sich stattdessen nur in den Boutiquen und Cafés der gentrifizierten Stadtteile Manhattans, wie dem Meatpacking District oder Brooklyns, wie Williamsburg und Greenpoint aufhalten. Gegen diese blitzblank herausgeputzten Gässchen mit ihren Hochglanzvitrinen und ihren Filter-Kaffee-Tempeln wirkt ein Besuch am Times Square wie eine Zeitreise in die bodenständigen 90iger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Flagshipsstores, Restaurants (etwa der Bubba-Gump-Shrimp-Laden, richtig, der aus “Forrest Gump”) und Theater haben sich kaum verändert, nur die verkehrsberuhigten Fußgängerzonen und die schon erwähnten Citybike-Stationen zeigen, dass sich doch ein bisschen etwas getan hat. Trotzdem ist der Times Square laut diverser schlauer Statistiken immer noch die meist besuchte globale Touristenattraktion. An zweiter Stelle kommt angeblich der Central Park.

Erst dieser Tage wurde mir also bewusst: Die größte Touristenattraktion der Welt ist nach einer Zeitung benannt. Den Platz gab es freilich lange davor, aber als Verleger Adolph S. Ochs das Hauptquartier seiner “New York Times” 1904 hier ansiedelte, erhielt der Ort, der damals unaussprechlich “Longacre Square” hieß, seinen heutigen Namen. Die Übersiedelung hatte übrigens einen einfachen Grund: Ochs sah Manhattans erste U-Bahn als Chance, die Times erhielt sogar ihre eigene U-Bahn-Station, um die Zeitungen frisch gedruckt in der Stadt zu verteilen und so schneller als die Konkurrenz an die Leser zu bringen. Auch die bis heute gültige Tradition, den Jahreswechsel an diesem Platz zu feiern, geht auf die “Times” zurück: Um die Übersiedlung zu feiern, schmiss die Zeitung eine Silvesterparty auf dem Dach ihres Büros und 200.000 Menschen kamen, um auf der Straße das große Feuerwerk zu bestaunen. Der glitzernde Zeitball, der jedes Jahr den genauen Jahreswechsel anzeigt, kam dann 1908 zum ersten Mal zum Einsatz.

Die Newsstands der Stadt mögen weniger werden, aber der wichtigste Platz in dieser Metropole heißt noch immer nach einer Zeitung. Schön irgendwie.

Lesetipps:

>> New York: Wer mal etwas anderes als immer nur Lonely Planet oder den DuMont Kunstreiseführer lesen will, dem sei beim nächsten NY-Besuch dieses schlaue Büchlein ans Herz gelegt: “I Never Knew That About New York” von Christopher Winn (2013). Nachteil: es geht nur um Manhatten, Brooklyn, Bronx und Staten Island werden nicht erwähnt.

>> “The Heirs” von Gabriel Sherman, New York Magazine, 23. August 2015: Sehr ausführliche Analyse, welcher Erbe aus den Familien Ochs und Sulzberger neuer Herausgeber der “New York Times” werden könnte?

>> TV-Tipp für alle Medien-Interessierten: “Page One”, die filmische Innenansicht in die krisengebeutelte “New York Times” im Jahr 2011.

 

Compliance-Hinweis: Meinen Aufenthalt in den USA ermöglicht das US-Austrian Journalism Exchange Fellowship 2015. Organisiert und finanziert wird das seit bald zehn Jahren vom Kuratorium für Journalismus in Österreich und dem International Center for Journalists in Washington, D.C. Das Stipendium erlaubt mir und drei Kollegen, nach einer einwöchigen Orientierungswoche in Washington und New York, sechs Wochen bei einem US-amerikanischen oder österreichischen Medium zu arbeiten. Während ich im “Wall Street Journal” staune und lerne, werkt Thomas Trescher vom Monatsmagazin “Datum” bei der Wochenzeitung “Austin Chronicle” und Nina Hochrainer von FM4 beim Radiosender KUT, beide in Austin, Texas. Unser amerikanisches Gegenüber, die Journalistin Nikki Raz ist in der Zwischenzeit bei der NZZ.at in Wien.

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