Die Elternzeit als Einstiegsdroge für den Mann

Die Väterbeteiligung liegt in Deutschland bei 30, in Island bei unglaublichen 96 Prozent.

Die Elternzeit sei eine „geniale Erfindung“, schrieb Journalist Jakob Schrenk vergangenes Wochenende in der „Süddeutschen Zeitung“. „Sie dient als Einstiegsdroge. Männer fremdeln nicht mehr mit ihren Babys, wie das in den Jahrhunderten zuvor der Fall war.“ Jakob Schrenk hatte genug von dem ewigen Jammern über den modernen Mann, darum wollte er zur Abwechslung einmal die Männer loben.

Die Frauen wären immer noch so streng mit den Männern, dabei würden seine Freunde und Kollegen sicher nicht von einer Existenz als Alleinverdiener und wandelnder Kreditkarte träumen. „Stattdessen tragen sie die Babykotzeflecken auf dem Hemd so selbstverständlich wie eine Krawatte […] und brechen nachmittags um halb fünf Richtung Kindergarten auf.“ Man kann Schrenks Schilderungen als verklärte Sicht eines Kreativberuflers auf den Alltag in bundesdeutschen Großstädten abtun, oder aber man sieht anerkennend, dass die jüngste Neuregelung der Elternzeit in Deutschland etwas bewegt hat. Immerhin 30 Prozent aller Väter nehmen heute Elternzeit. Noch bis zum Jahr 2006 blieb laut Schrenk so gut wie kein Vater nach der Geburt seines Kindes zu Hause. Viel sei passiert seit dem Jahr 1985 und dem Kinofilm „Drei Männer und ein Baby“ – als es noch exotisch-absurd war, wenn Männer auf ihre Kinder aufpassten. In der Komödie „Mrs. Doubfire“ musste sich Familienvater Robin Williams nach der Scheidung sogar noch Frauenkleider anziehen, um mehr Zeit mit seinen Kindern zu verbringen.

Deutschland ist Österreich also eine Spur voraus, dabei sind die Kinderbetreuungsmodelle sehr ähnlich. Hierzulande gehen erst rund 17 Prozent aller Väter in Elternzeit (siehe oben). Als Musterschüler in Sachen Gleichberechtigung gelten nach wie vor die nordeuropäischen Länder. Ein besonders gutes Babybetreuungsmodell existiert in Island. Es folgt der Drei-plus-drei-plus-drei-Logik. Zuerst geht die Mutter drei Monate, dann der Vater, danach wieder die Mutter in Elternzeit. Die Väterbeteiligung liegt dort bei unfassbaren 96,3 Prozent (2009). Für Sonja Blum vom Institut für Familienforschung zeigt das: „Väter nehmen immer in Anspruch, was für sie exklusiv reserviert ist.“ Zudem wird die Karenz in Island gut bezahlt, der Einkommensersatz beträgt 80Prozent des Durchschnittseinkommens vor der Geburt (Obergrenze: 2180Euro/Monat). Derzeit wird in Island die Ausweitung des Models auf fünf plus fünf plus zwei (also zwölf Monate) bis 2016 diskutiert. Damit würden Frauen zwar insgesamt nur einen Monat länger zu Hause sein, der Mann aber zwei Monate mehr. Österreichs Familienpolitik kann sich bei Island noch einiges abschauen.

Fakten

In Island liegt die Väterbeteiligung innerhalb des ersten Lebensjahres des Kindes bei 96 Prozent.

In Deutschland gehen 30 Prozent aller Väter in Elternzeit. 

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 03.08.2014)

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