Ein Ring, zwei Monatsgehälter

Rezension. Um jene Werberin, die 1947 den Slogan »A diamond is forever« erfand, dreht sich J. Courtney Sullivans neuer Roman. Eine Geschichte der Verlobung, etwas zu langatmig erzählt.

Endlich steht Frances Gerety auf einer großen Bühne und darf sagen, was sie sich denkt. Die Werbeagentur Ayer, für die sie mehr als 30 Jahre gearbeitet hat, und der Diamantenproduzent De Beers feiern ein halbes Jahrhundert Zusammenarbeit – und weil Frances maßgeblich für den Erfolg dieser Geschäftsbeziehung verantwortlich war, erhält sie eine späte Anerkennung.

Diese Frances Gerety gab es wirklich. Sie war eine der wenigen Frauen, die sich früh in der männlich dominierten Welt der Werbung behauptete, und wäre das nicht in Philadelphia gewesen, man könnte von der Welt der „mad men“ in New York sprechen. Der berühmte Slogan „A diamond is forever“ stammt von ihr und fiel ihr 1947 in der Nachkriegszeit ein, in der die Nachfrage für Diamantringe verschwindend gering war. Junge Frauen wollten lieber eine Waschmaschine statt einen teuren Klunker am Finger. Auch dank Frances Geretys Werbesujets wurde der Diamantring innerhalb einer Generation zum Verlobungsmuss. Und es etablierte sich die ungeschriebene, in manchen Kreisen bis heute geltende Regel, dass ein Mann mindestens zwei seiner Monatsgehälter für den Verlobungsring ausgeben soll. Ironie des Schicksals: Frances Gerety, ein Leben lang Vermarkterin diamantener Glücksversprechen, sollte selbst nie verlobt geschweige denn liiert sein.

Vier Ehen, vier Ringe

Und doch bot das Leben dieser Frau offenbar zu wenig Stoff für ein Buch. Ihre Geschichte bildet nur das Gerüst in J. Courtney Sullivans neuem Roman „Die Verlobungen“. Daneben erzählt sie viel weitläufiger und leider streckenweise auch viel langatmiger von vier Ehen bzw. Paaren zu unterschiedlichen Zeiten.

Wir begegnen Evelyn und Gerald, einem Mittelschichtspaar, das Anfang der 1970er mit ihrem Sohn, der sie mehrmals enttäuscht hat, hadert. Im Jahr 1987 lebt James, der seine Familie als Krankenwagenfahrer kaum erhalten kann und fürchtet, seine Frau, Sheila, aufgewachsen in besseren Kreisen, könnte ihn eines Tages verlassen. 25Jahre später spielt die Geschichte der Singles Delphine und Henri, die beide um die Übernahme eines kleinen Musikgeschäfts in Paris kämpfen und es von den Erben des Besitzers schließlich gemeinsam zugesprochen bekommen. Aus den Geschäftspartnern werden rasch Eheleute, deren eintöniges Leben eines Tages abrupt durch den Besuch eines jungen Violinisten aufgewirbelt wird. In der Gegenwart treffen wir auf Kate und Dan, die trotz ihrer Tochter Ava nicht heiraten wollen. Ausgerechnet die emanzipierte Kate, die die Ehe beinah für so etwas wie Folter hält, muss bei der Hochzeit ihres schwulen Cousins die Ringe bewachen.

All dies kommt dankenswerterweise ohne zuckersüße Kitschglasur aus, soll es doch eher daran erinnern, dass nicht auf jede rührende Ringübergabe eine erfüllte und problemfreie Ehe folgt. Der Verlobungsring spielt stets nur eine Randrolle. Einmal ist er vier Karat groß, einmal verschwindend klein, einmal gehütetes Erbstück, er wird mehrmals gestohlen, einmal verloren, einmal als Kette um den Hals getragen.

Trotzdem bleiben in der Fülle an Charakteren und Jahrzehnten die Figuren seltsam schablonenhaft. Richtig ärgerlich ist aber, dass der Roman trotz seiner Länge (580 Seiten) und neben den bis ins kleinste Detail beschriebenen Paarungen, die wirklich interessanten Dinge auslässt: Als etwa Frances Gerety bei der Firmenehrung auf die Bühne tritt und ihre Dankesrede hält, erfahren wir nicht, was sie den „mad men“ ihrer Zeit zu sagen hat. Dabei hätten wir das so gern gehört. 

Neu erschienen

J. Courtney Sullivan
„Die Verlobungen“, übersetzt von Henriette Heise,
Zsolnay Verlag
590 Seiten
22,60 Euro

(“Die Presse am Sonntag”, Print-Ausgabe, 09.02.2014)

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