Plädoyer für das Zusammenbleiben

Berg_24760_MR1.inddEine Ehe nach 20 Jahren, eine Affäre (der Frau) und ihren ungewöhnlichen Ausgang schildert Sibylle Berg in ihrem neuen Roman. Bitter, sehr real, aber auch humorvoll.

Rasmus und Chloe sind eine Einheit und das schon seit zwanzig Jahren. Auch wenn in ihrer Liebe von Beginn an „jenes Moment fehlte, da man sich tödlich im anderen auflösen will, rasend auf seine Bettwäsche ist“, hat es das Intellektuellenpaar gut miteinander. Er arbeitet als erfolgloser Theaterregisseur, sie lebt an seiner Seite, ohne den Drang, etwas Eigenes zu schaffen. Sie haben sich aneinander gewöhnt, an Mundgeruch, grau werdendes Schamhaar und die fehlende sexuelle Anziehung. Doch die Krise beginnt, als sie sich für einen längeren Zeitraum in ein Land „mit suboptimaler Einkommensstruktur“ begeben. Ein Dritteweltland dessen Namen wir nicht erfahren, in dem Rasmus ein Theaterprojekt leitet.

Dort begegnet Chloe eines Nachts dem rothaarigen, um einiges jüngeren Masseur Benny und verliebt sich in Sekunden in ihn. Doch dort, wo Geschichten über außereheliche Abenteuer und Trennungen sonst enden, geht Sibylle Bergs Roman „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ weiter. Das Paar reist zurück in ihr deutschsprachiges Ersteweltland, der bis dahin stumme Benny kommt wenige Wochen später nach und schläft auf dem Sofa der ehelichen Schichtbetonwohnung. Ist Ehemann Rasmus zuerst noch vor Schmerz erstarrt, beginnt er die Affäre seiner Frau nach und nach anders zu sehen: „Das Konzept der Ehe darf man doch mal überdenken, oder? Was spricht dagegen, dass die Person, mit der ich nicht verwandt bin, ein wenig Spaß hat? Gehört sie mir, weil wir ein Papier unterschrieben haben?“

Dreier-WG auf Zeit. Während also seine Frau im Wohnzimmer sexuelle Abenteuer mit ihrem Liebhaber hat, sogar Rasmus’ Mutter Gefallen an dem exotischen Mann aus der Fremde findet, entsteht eine skurrile Wohngemeinschaft zwischen den dreien. In ihrer unverkennbar direkten Sprache arbeitet sich Berg auch in diesem Roman an ihren Lieblingsthemen ab: am körperlichen Verfall der Menschen, an der Tragödie des Alterns („Es wird schlechter, egal, was uns die Krankenkassen erzählen von einem erfüllten Alter. Die Menschen sind für die sogenannte zweite Lebenshälfte nicht geplant.“) und an der Frage, ob Sex lebensnotwendig ist oder nicht. Sie habe, erzählte Sibylle Berg vergangene Woche in der Sendung „Willkommen Österreich“ so viele Menschen in ihrer Umgebung gesehen, die sich irgendwann aus ihren sicheren Beziehungen begeben hatten, weil sie glaubten, mit einem neuen Mensch würde alles anders und lebendiger werden.

Im Roman lässt sie Chloe und Rasmus in abwechselnden Monologen über ihre Ehe, die Affäre und das Leben nachdenken. Das ist in diesem typisch Berg’schen Ton, direkt und hart, alles andere als tröstlich, aber sehr treffend. Sex wird bei ihr mitunter zu einer ekelhaften Sache. Chloe muss irgendwann erkennen, dass sie wenig mit ihrem Liebhaber Benny verbindet als die Körperlichkeit und auch diese Anziehung lässt irgendwann nach: „Wann ist meinem Unterleib die Sache nur dermaßen entglitten? Ich hatte doch gedacht, nie, nie würde mir passieren, was ich bei anderen Paaren so verabscheute. Der Verrat am Freund, nur um die Geschlechtsteile wieder zu benutzen.“

Letztlich ist Bergs Roman ein Plädoyer für das Zusammenbleiben. In treuen wie in untreuen Zeiten.

Termin: Die Autorin liest mit Dirk Stermann aus ihrem neuen Roman. Musik: Gustav. 15. März, Rabenhof, 20 Uhr.

Categories: Gelesen

Anne Frank: Eine Jugend im Hinterhaus

70 Jahre nach dem Tod von Anne Frank im Konzentrationslager wird ihre Geschichte zum ersten Mal von einem deutschen Team verfilmt. Ein behutsamer Film eines aus Afghanistan stammenden Muslims.

Es ist bei Weitem nicht der erste Film über das Schicksal des jüdischen Mädchens Anne Frank, das sich im Zweiten Weltkrieg mit seiner Familie über zwei Jahre in einem Hinterhaus in der Amsterdamer Prinsengracht versteckt hielt. Glaubt man dem Wikipedia-Eintrag, dann wurde ihre Geschichte und das nach der Deportation gerettete Tagebuch bereits 18 Mal verfilmt. Trotzdem ist der Film, der heute, Mittwoch in der ARD (20.15 Uhr) zu sehen ist, eine Premiere. Denn es ist die erste deutsche Produktion, die nun 70 Jahre nach Anne Franks Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen ins Fernsehen kommt. Ursprünglich war sogar noch ein zweiter Film geplant. Das ZDF wollte eine Mini-Serie produzieren, doch das Projekt musste gestoppt werden, weil der in Basel ansässige Anne-Frank-Fonds sein Einverständnis verwehrte.

Nun also stattdessen die ARD und ein Dokudrama in Spielfilmlänge. Verantwortlich dafür ist der aus Afghanistan stammende deutsche Muslim Walid Nakschbandi, was, wie der „Spiegel“ diese Woche betonte, eine schöne Symbolik hat „in einer Zeit, die von Islamismus und neuem Antisemitismus geprägt ist“. Gemeinsam mit Regisseur Raymon Ley entschied der Produzent, Anne Franks Geschichte aus der Sicht des Vaters Otto zu erzählen, der das Konzentrationslager als Einziger seiner Familie überlebt hatte. So beginnt „Meine Tochter Anne Frank“ auch mit Ottos Rückkehr nach Amsterdam kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dort trifft er auf Miep Gies, die treue Seele, die der Familie im Versteck geholfen hatte und die Annes Tagebuch retten konnte. Gemeinsam überlegen sie, ob das Tagebuch veröffentlicht werden soll. „Ich weiß nicht, ob das Anne recht wäre. Es ist doch ihr Tagebuch“, sagt Miep Gies. Doch Otto wendet ein: „Aber es ist auch ein Dokument.“ Er entschloss sich zur Veröffentlichung, strich aber die teils harten Passagen, in denen Anne mit ihrer Mutter haderte. Erst viel später wurden auch diese Stellen aus dem Buch publiziert, im Film werden daher auch die Spannungen zwischen Mutter und Tochter gezeigt.

Es ist ziemlich viel, was Produzent und Regisseur da in einen 90 Minuten langen Film packen wollten: Das schwierige Leben der insgesamt acht Personen im Versteck wird ebenso geschildert wie die Angst vor dem Verrat, aber der rote Faden bleibt Annes Heranwachsen, ihr Umgang mit Sexualität und ihre Schwärmerei für den ebenfalls versteckten Peter, Sohn von Auguste und Hermann Pels. Doch auch Otto Franks langsamem Zurückfinden in ein normales Leben wird Raum gegeben, parallel dazu mimt Axel Milberg einen holländischen Journalisten, der jenen uneinsichtigen Polizisten aufsucht, der Familie Frank verhaftet hat. Und dazwischen kommen Zeitzeugen zu Wort, ehemalige Schulkollegen und Freundinnen von Anne.

Ein anderer Blick auf die Geschichte

Irgendwo musste also gekürzt werden. Das Filmteam entschied sich, den genauen Hergang des Versteckfindens und -einrichtens sowie die Verhaftung und Deportation der Familie nur in wenigen Bildern anzudeuten. Hauptdarstellerin Mala Emde gibt eine aufmüpfige, aber auch nachdenkliche Anne Frank. Seltsam erscheint bisweilen, dass sie die Tagebuchauszüge vor sich hin sprechen muss, wenn sie in ihrem schmalen Zimmer, das sie mit Ansichtkarten von Stars schmückte, am Schreibtisch sitzt. Insgesamt entsteht ein dennoch anderer Blick auf Anne Franks Geschichte. Vielleicht gehört da dazu, dass der Film – anders als die geplatzte ZDF-Produktion, die sich an ein junges Publikum wenden wollte – Wissen voraussetzt.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 18.02.2015)

Categories: Fernsehen, Medien

Gefangen in der Fernsehfalle

“So denkt Österreich”. Der Privatsender ATV beginnt ausgerechnet 30 Jahre nach Spiras “Alltagsgeschichten” damit, dem Volk auf das Maul zu schauen.

Die Friseurin Renate zum Beispiel sammelt Glasfrösche, und nur wenn sie die kleine grüne Figur, die lachend auf dem Rücken liegt, in die Kamera hält, hellt sich ihr Gemüt auf. Sonst gibt es nicht viel zu lachen. „Die Welt ist scheinbar langweilig“, sagt sie an ihrem Wohnzimmertisch sitzend und erklärt, wie sie darauf gekommen ist: Die Menschen hätten eben „nix im Schädel mehr als wie Sex“. Da würden 14-Jährige Gleichaltrige vergewaltigen und „Pfaffen“ aus der Kirche, aus der sie lang ausgetreten ist, „Kinder ficken“.

Es spricht viel Wut aus den derben Worten von Frau Renate, deren Sätze über die EU, Kirche und Medien mitunter so verwirrend wirken, dass man sich nicht sicher ist, ob da beim Schnitt der Sendung einiges schiefgelaufen ist oder Rage einiges durcheinanderbringt. ATV-Senderchef Martin Gastinger nennt die neue Reportagereihe „So denkt Österreich“, die seit der Vorwoche jeden Montagabend ausgestrahlt wird, „ein Erlebnis“. Ein durchaus bekanntes Erlebnis, will man hinzufügen. Exakt vor 30 Jahren begannen im ORF die „Alltagsgeschichten“. Schon Elisabeth T. Spira musste immer wieder Kritik für ihren Sozialvoyeurismus einstecken. Heute gibt es keine Alltags-, sondern nur mehr sommerliche und quotenstarke „Liebesgeschichten“.

Und jetzt begibt also auch ATV sich in die Wohnungen von zahnlosen Obdach- oder Arbeitslosen und Frühpensionisten. Ähnlich wie bei Spira fragt man sich: Warum werden hier fast ausschließlich gescheiterte Existenzen befragt? Wenn die Sendung „Österreich denkt“ heißt, ließe sich auch ein breites Spektrum an Österreichern statt der immer gleichen einfachen Seelen befragen, die aufgeganselt durch die Präsenz der Kamera sofort in die Ausländer-und-EU-sind-schlecht- oder in die Frauen-gehören-geprügelt-Falle tappen. Überraschungen erfährt man hier keine, ein Erlebnis ist das auch nicht. Das ist so 1995, das will niemand mehr sehen. (awa)

„So denkt Österreich“, montags, 21.20 Uhr, ATV

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 16.02.2015)

Categories: Fernsehen, Medien

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David Carr ist tot: Ein Champion der Underdogs

David Carr (58), der begnadete Medienjournalist der „New York Times“, ist tot. Einst drogenabhängig, fand er über das Schreiben zurück in ein normales Leben.

Vielleicht sitzt der Schock bei Kollegen, Freunden und Lesern so tief, weil dieser Tod so überraschend kam. Oder weil dieser Mann auf so unterschiedliche Weise Großes für den Journalismus geleistet hat. Noch am späten Donnerstagnachmittag hatte David Carr an der New School in Manhattan die NSA-Aufdecker Glenn Greenwald und Laura Poitras interviewt. Lässig, in schwarzem T-Shirt und schwarzer Weste saß er mit ihnen auf der Bühne und erzählte, dass er sich am Vorabend erneut Poitras’ Edward-Snowden-Dokumentation „Citizenfour“ angesehen habe und wieso er das Licht, das er davor ausgeschaltet hatte, wieder aufdrehen musste: „Da ist etwas an dem Film, das es schwer macht, ruhig zu schlafen.“ Ein Videomitschnitt dieses „Times Talk“ zeigt, wie einfühlsam und klug Carr mit seiner knarzigen Stimme Fragen stellte.

Wenige Stunden später kollabierte er in der Redaktion der „New York Times“ in der Eighth Avenue und verstarb noch in der Nacht in einem Spital in Manhattan. Die tiefe Betroffenheit über seinen Tod zeigt, wie viele Menschen diesen Journalisten für sich entdeckt und seine Texte gern gelesen haben. Es war auch wirklich schwer, diesen Mann zu übersehen. Seine Lebensgeschichte ist wie sein Schreiben: sehr außergewöhnlich.

David Carr kam früh mit Drogen in Berührung, und das, wie er in seiner 2008 erschienenen Autobiografie „The Night of the Gun“ erzählt, ohne besonderen Grund. Geboren und aufgewachsen im Städtchen Hopkins, Minnesota, als mittleres von sieben Kindern gütiger Eltern erlebte er eine unspektakuläre Schulzeit. Während des Studiums begann er mit Drogen zu experimentieren und blieb bei Kokain und Crack hängen. Den Abschluss in Psychologie und Journalismus schaffte er dennoch, blieb aber jahrelang drogenabhängig und dealte selbst mit Kokain und Crack. Erst nach der Geburt seiner Zwillingstöchter schaffte er den Ausstieg, zog nach New York und begann früh über Medien zu schreiben, zuerst für die Website Inside.com, später für das Magazin „Atlantic Monthly“.

Dank Doku zum Star seines Blattes

Erst spät, nämlich 2002, begann er als Wirtschaftsjournalist für die „New York Times“ zu schreiben und konzentrierte sich bald auf die Medienindustrie. In seiner montäglichen Kolumne „The Media Equation“ besprach er in sehr direktem, amüsanten Ton die Entwicklungen der Medien- und Digitalbranche und setzte einen neuen Standard in der Medienberichterstattung.

Dabei gelang ihm vor allem eines: Texte über die eigene Zeitung, so wie erst im Frühling 2014 über den plötzlichen Abgang von Chefredakteurin Jill Abramson oder die Streichung von 100 Stellen in der Redaktion, waren stets so ehrlich und distanziert verfasst, als würde er über die Konkurrenz schreiben. Auch an Kritik sparte er dabei nicht.
Carr schrieb aber auch über den Kulturbetrieb, förderte Independent-Kinofilme wie den Film „Juno“ über eine Teenager-Mutterschaft und war maßgeblich daran beteiligt, dass Lena Dunhams Serie „Girls“ bekannt wurde. Die Regisseurin und Autorin verabschiedete sich am Freitag in einem berührenden Post auf Instagram von ihm, dem „champion of underdogs and wild ones“.

Zu seinen amüsantesten Texten zählte „The Carpetbagger“, eine Rubrik, in der er während der Filmfestivalsaison launig über Ereignisse auf dem roten Teppich (red carpet) berichtete. Dank der Dokumentation „Page One: Inside the New York Times“ (2011) wurde er schließlich zum Star des Blattes. Die Macher der Doku hatten den Mann mit dem storchenähnlichen Aussehen zum kauzig-liebenswerten Hauptdarsteller gemacht, der inner- und außerhalb der Redaktion die Freuden des Journalistendaseins pries. Arthur Ochs Sulzberger junior, der Eigentümer des Blattes, würdigte Carr am Freitag „als einen der begabtesten Journalisten“ des Hauses. Chefredakteur Dean Baquet nannte ihn in einer E-Mail an die Redaktion „our biggest champion and one of the leaders of our newsroom“.

Im Nachwort seiner Autobiografie schrieb Carr: „Heute lebe ich ein Leben, das ich eigentlich nicht verdiene, aber fühlen wir uns nicht alle wie Schwindler? Der Trick ist, dankbar zu sein und zu hoffen, dass die Freude nicht zu früh endet.“ Ausgerechnet für ihn kam das Ende früh. David Carr war erst 58, hatte vor Jahren Lymphkrebs besiegt und hätte gern noch mehr Zeit mit seiner Frau Jill Carr und den drei Töchtern Maddie, Erin und Meagan verbracht. Dass er aber praktisch in der Redaktion, für die er so gelebt und gewerkt hatte, starb, ist vielleicht kein Zufall.

Categories: Medien, Stadtleben

Judith DenkmayrFoto: Clemens Fabry

Löschen oder liken

Die neuen Geschäftsbedingungen von Facebook verunsichern manche Nutzer. Dabei seien sie nicht neu, sagen Experten und geben Tipps, wie man mit der Datensammelei leben kann.

„Folgen, posten, hiden, hosten/ich muss ins Netz, bin am Verdursten/Ich muss Freunde filtern, Bild aus, Bild an/Ich muss Jesus liken, Learjets ordern.“ So singen die Krawallmacher der Hamburger Band Deichkind in ihrem neuen Lied „Like mich am Arsch“. Es ist eine spaßige Digitalkritik, die unser Verhalten in sozialen Netzwerken verblödelt. Aber selbst bei den humorig-intelligenten Texten von Deichkind kommt ein Aspekt der Social-Media-Nutzung gar nicht vor: nämlich das, was Unternehmen wie Facebook, Google und Co. hinter unserem Rücken mit unseren Daten machen.

Seit wenigen Tagen erntet Facebook vor allem in Europa wieder Kritik. Mit 1. Februar hat der Social-Media-Riese, der in Österreich mittlerweile mehr als 3,4 Millionen Nutzer hat, seine allgemeinen Geschäftsbedingungen geändert. Ab sofort wertet Facebook auch die Daten seiner Nutzer von WhatsApp und Instagram aus und führt sie mit Ergebnissen von GPS-, Bluetooth-, Wifi- und Zahlungsvorgängen zusammen. So will es den Nutzern noch gezielter Werbung anbieten. Zwar hat Facebook diese Ausweitung seiner Datensammelaktivitäten angekündigt, doch das bedeutet nicht, dass die AGB auch Geltung haben. Wie schon bisher setzt sich das Silicon-Valley-Imperium von Marc Zuckerberg darüber hinweg und geht davon aus, dass jeder User den neuen AGB automatisch mit der Nutzung des Netzwerks zustimmt.

Digital Detox? Vergangene Woche listeten Foren und Blogs zahlreiche Ratschläge auf, wie man sich gegen den Datenzugriff von Facebook wehren kann. Doch fragt man bei Digitalexperten genauer nach, erklären sie einem: Machen könne man dagegen eigentlich nichts. Judith Denkmayr, Gründerin der auf Social Media spezialisierten Wiener Agentur Digital Affairs, sagt: „Wenn ich im Internet bin, muss ich davon ausgehen, dass ich beobachtet werde und Spuren hinterlasse.“ Die Aufregung um die AGB-Änderung von Facebook kann sie zwar nachvollziehen, doch gibt sie zu bedenken, dass sich die öffentliche Kritik stets auf die großen Unternehmen Google und Facebook konzentriert. Dabei werde außer Acht gelassen, dass so gut wie alle Internetunternehmen mittels Cookies und über andere Plattformen an Daten der Internetnutzer herankommen. „Facebook und Google sind zwar die großen Mächtigen, die unter besonderer Beobachtung stehen, aber andere Unternehmen machen es deswegen nicht weniger.“

Was also soll man tun, aussteigen oder radikales Digital-Detoxing betreiben? Judith Denkmayr hat einen anderen Zugang: „Wir müssen lernen, damit umzugehen.“ Denn auch, wenn es durchaus Sinn ergeben würde, nicht mehr mit dem Handy zu telefonieren, wenn man glaubt, dass das schädlich für das Gehirn ist, sei das einfach nicht praktikabel. Jeder Einzelne müsse sich selbst fragen, wie wichtig ihm Datensicherheit ist, wie viel Informationen er von sich preisgeben will. Es kann beispielsweise aufschlussreich sein, sich auf Facebook unter den Einstellungen eine Kopie der gespeicherten Daten zuschicken zu lassen. Allerdings gilt zu bedenken: Vieles, was dort gespeichert ist, ist überhaupt nicht relevant oder nützlich für Facebook. Und noch etwas sei vielen Nutzern nicht bewusst, sagt Denkmayr: „Es bringt mir auch nichts, wenn ich nicht meinen echten Namen angebe. Facebook ist mein Name nämlich egal, die Daten sind viel wichtiger.“

Nicht neu. Auch Max Schrems, der österreichische Jurist, der seit Jahren datenschutzrechtlich gegen Facebook vorgeht, versteht die Aufregung um die jüngste AGB-Änderung nicht recht. Dass Facebook auch Daten von Drittseiten auswertet, hat er bereits 2011 angezeigt. Zudem würde Facebook jedes halbe Jahr seine Geschäftsbedingungen ändern.

Auch er sagt, ähnlich wie Denkmayr: „Entweder man wird Einsiedler und benutzt das Internet nicht mehr, oder man lebt mit dem Bewusstsein, dass das eigene Tun gespeichert wird.“ Und er räumt mit einer weit verbreiteten Mär auf: Jeder Nutzer kann seine Einstellungen auf Facebook so programmieren, dass andere Menschen möglichst wenig von der eigenen Aktivität mitbekommen. Es habe auch Sinn, sich mit diesen Einstellungen genauer zu beschäftigen. Doch was den meisten nicht bewusst ist: „Auch wenn ich alle meine Aktivitäten nur für mich sichtbar mache, liest einer immer noch mit: Facebook!“ Man könne also verhindern, dass Freunde oder Fremde Postings lesen oder hochgeladene Fotos sehen können, ebenso kann man abstellen, Werbung zu sehen, „aber die Datensammelei von Facebook kann ich nie ausschalten.“ Ebenso unmöglich zu verhindern ist es, dass Facebook und andere Unternehmen über meine Freunde, also Dritte, Daten von mir sammeln. Denn die meisten Apps greifen mittlerweile auf die Kontakte der Smartphone-Nutzer zu. Wenn ich also in geschätzten 100 Adressbüchern von Bekannten und Freunden gespeichert bin, tauche ich in hunderten Apps auf.

Auch wenn es etwas abgeklärt wirkt, was die Digitalexperten proklamieren, sind Denkmayr und Schrems naturgemäß skeptisch gegenüber Facebook. Noch dazu, weil sich das börsenotierte Unternehmen gerade von einem sozialen Netzwerk zu einem allgemeinen IT-Anbieter wandelt, der vor allem eines will: noch mehr Geld verdienen. Die „New York Times“ beschrieb das Netzwerk mit einem laut bellenden Hund, der auf einen zurennt, von dem man aber nie genau sagen könne, ob er mit einem spielen oder einen fressen wolle. Für Denkmayr stellt sich die Frage, ob Facebook es sich wegen der ständigen AGB-Änderungen und Algorithmusspielereien „nicht irgendwann mit seinen Usern verscherzen wird“. Doch wie gesagt: All die anderen Internetriesen machen es nicht viel anders.

Credit: Clemens Fabry

(Presse am Sonntag, 8.2. 2015)

Categories: Leben, Medien

“Zuhause ist da, wo meine Bücher sind”

Rachman-Tom-c-Alessandra-RizzoWie sind Sie auf die Idee zu Ihrem zweiten Roman „Der Aufstieg und Fall großer Mächte“ gekommen, einem Roman über die verrückte Welt der 30-jährigen Tooly, die sich allein durch viele Länder schlägt?

Tom Rachman: Zuerst war da dieses Bild von einem kleinen Mädchen, das in einem Raum sitzt mit einem alten und einem jüngeren Mann. Stunden vergehen, niemand kommt, um das Mädchen abzuholen. Irgendwann begreifen die Männer, dass sie sich um dieses Kind kümmern müssen. Diese seltsame Szene warf einige Fragen auf: Wer ist dieses Kind? Wer hat es dort allein gelassen? Was würde mit ihr passieren, wenn sie allein bleibt? Ich habe einige Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass ich diese Fragen nur beantworten kann, wenn ich ein Buch schreibe.

Eine gewisse Heimatlosigkeit verbindet die Figuren in Ihrem Buch. Das erinnert an Ihre Lebensgeschichte. Sie sind in London geboren, in Kanada aufgewachsen, haben in New York, Sri Lanka, Indien und Rom gelebt und wohnen jetzt wieder in London.

Ihre spezielle Geschichte ist nicht meine Geschichte, aber viele Fragen, die sie beschäftigen, sind solche, die ich mir auch gestellt habe.  Bis zu meinem siebenten Lebensjahr fühlte ich mich englisch und als Teil einer Gruppe. Danach wusste ich nicht mehr, wer oder was ich war. Als ich mit sieben nach Vancouver zog, lernte ich, dass ich einen anderen Akzent habe und eben kein Kanadier war, aber Engländer war ich auch nicht mehr. Ich habe schon sehr früh nicht gewusst, wohin ich gehöre. Und das wurde durch meine Familie verstärkt, die stets so empfand, weil sie nie sehr sesshaft war. Meine Vorfahren lebten in Australien, China, Südafrika, Argentinien, Brasilien und in der Schweiz. Mein Vater wurde in Afrika geboren, meine Mutter in Wales und ihre Eltern kamen aus unterschiedlichen Ländern. Vor allem in meiner Jugend bis zu meinen frühen Zwanzigern habe ich stets nach einer Gruppe gesucht, zu der ich gehöre. Nach und nach habe ich begriffen, dass es so eine Gruppe vielleicht gar nicht gibt für mich. Das führte zu vielen Fragen: Wer formt dich? Ist es deine Familie, sind es deine Freunde oder bist es einfach du?

Das trifft auch auf Tooly zu. Sie schöpft ihre Stärke vor allem aus sich selbst.

Ja, und sie verändert sich ständig. Schon als kleines Mädchen fragt sie sich immer wieder: Wer will ich jetzt sein? Auch ich habe mich jedes Jahr nach den Ferien gefragt, wer ich heuer sein möchte. Ich war jedes Jahr jemand anderer. Einmal gehörte ich zu den coolen Kindern in der Klasse, ein anderes Mal zu den fleißigen, im nächsten Jahr war ich nur auf Musik konzentriert. Ich wollte immer Schriftsteller werden und als ich jünger war, hatte ich stets Angst, dass ich das gar nicht könnte, weil mir so etwas wie Heimat fehlte. Viele berühmte Schriftsteller haben eine Kulisse für ihr Schreiben: Charles Dickens hatte London, William Faulkner den Süden von Amerika, Proust sein kleines Dorf.

Diese frühe Angst war offensichtlich unberechtigt.

Als ich meinen ersten Roman schrieb, ist mir aufgefallen, dass alle Figuren verloren und heimatlos waren. Seither denke ich, vielleicht ist das einfach mein Kontext. Und das Thema Heimatlosigkeit ist heute sicher relevanter als vor 200 Jahren. Heute ist es ganz normal, dass du in einer anderen Stadt oder einem anderen Land aufwächst als deine Ururgroßeltern, dass dein Partner aus einem anderen Land kommt und deine Kinder drei Sprachen sprechen.

Gibt es heute ein Zuhause für Sie?

Zuhause ist da, wo meine Bücher und meine Freunde sind. Da die aber in der ganzen Welt verstreut leben, ist es einfacher, meinen Büchern zu folgen.

Trotzdem haben Sie sich entschieden, wieder in Ihrem Geburtsland England zu leben.

Ich bin immer wieder für kurze Zeit zurückgekehrt, aber ich hatte Jahrzehnte nur eine vage Idee von dem Land. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, wieder dort zu leben. Meine Freundin ist Italienerin, ich war allerdings Italien müde und wollte woanders leben, aber nicht so weit weg von ihr. Da erschien mir London passend.

Das Buch spielt in vielen verschiedenen Ländern, auch in einigen, in denen Sie nie gelebt haben. Wieso haben Sie genau diese gewählt?

Ich habe Länder ausgesucht, die entweder im Zentrum des Weltgeschehens stehen oder ganz weit davon entfernt sind. Die Handlung spielt zum Beispiel in New York kurz vor den Anschlägen 2001. Die Flugzeugabstürze kommen nie vor, aber der Leser weiß, dass sie passieren werden. Ich schildere eine Zeit, in der vor allem junge Menschen diese Haltung hatten, dass das Leben in Manhattan richtig langweilig sei. New York war gentrifiziert, nicht mehr so gefährlich, jeder sprach davon, dass es die Hauptstadt der Welt war. Es lag so eine Selbstzufriedenheit in der Luft. Niemand ahnte, dass sich das so schnell ändern würde. Dagegengesetzt habe ich Bangkok im Jahr 1988 – also Asien zu einer Zeit, als dieser Kontinent noch nicht einen solchen Aufschwung wie heute erlebt hat. Ich mag es, diese verschiedenen Perioden und Zeiten durcheinanderzumischen. Und zuletzt habe ich mich für Wales entschieden, den Geburtsort meiner Mutter. Vielleicht auch, damit ich einen Grund für lange Spaziergänge in Wales hatte.

Es ist paradox, dass wir in einer globalisierten Welt leben, in der Reisen und das Übersiedeln in andere Länder für viele so einfach sind und auf der anderen Seite so viele Probleme mit Flüchtlingsströmen aus Krisenregionen wie Syrien oder Afrika haben.

Das ist vielleicht das größte Paradoxon der Gegenwart. Es gibt da dieses Buch aus den 1980ern, das hieß „Jihad versus McWorld“. Damals erhielt es keine große Beachtung, aber das Szenario ist heute eingetreten: Wir haben eine geteilte Welt. Es gibt viele Gruppen, die sich in kleine Identitäten unterteilen und einander bekriegen – und auf der anderen Seite eine Masse von Menschen, die durch die Globalisierung überall Zugang hat. Im Westen kann heute jeder überallhin und auf der anderen Seite gibt es Flüchtlinge, die keinen Platz finden. Dahinter steckt die berechtigte Frage, was mit existierenden Kulturen passiert. Es gibt die Angst, dass zu viele neue Menschen die eigene Kultur zerstören. Und das ist mein zentrales Thema: Brauchen wir eine Kultur und eine Gruppe, zu der wir uns zugehörig fühlen?

Was haben Sie Neues über England gelernt, seit Sie hier wieder leben?

Ich lerne viel über England, aber ich empfinde es noch immer nicht als mein Land. Ich denke von keinem Land, es ist meines. Es gibt viele Länder, deren Kulturen ich schätze und die Einfluss auf mich haben. Was mir vor allem die britische Politik gezeigt hat, ist, dass es überall auf der Welt eine Frustration über die Demokratie gibt. Die Menschen wollen sich nicht mehr mit ihrer Machtlosigkeit zufriedengeben. Obwohl es immer so war, dass in Demokratien die Mehrheit entscheidet, gibt es den Unwillen der Minderheit, das zu akzeptieren. Das hat auch der Unabhängigkeitswunsch von Schottland gezeigt oder der Aufstieg der Tea Party in den USA.

Könnte Wales auch irgendwann die Unabhängigkeit von England fordern?

Es gibt eine nationalistische Bewegung in Wales. Aber nach der Niederlage für Schottland sind solche Versuche eher von Misserfolg gekrönt.

Ihr erster Roman „Die Unperfekten“ nahm 2009 einige der Entwicklungen der Printmedien vorweg. Welche Reaktionen bekamen Sie auf das Buch?

Viele Journalisten erzählten mir, sie würden die Charaktere aus der Zeitungsredaktion wiedererkennen. Aber das Interessante war: Das erzählten sie mir überall auf der Welt.

Heißt das, Zeitungsredaktionen sind überall gleich?

Vielleicht. Oder es heißt, dass es einen bestimmten Menschenschlag gibt, der in Zeitungsredaktionen landet. Oder es ist der Job, der diese Menschen nach einer gewissen Zeit alle gleich formt.

Für Sie war dieser Roman der Eintritt in einen neuen Beruf. Sie legten das Reporterleben ab und wurden Schriftsteller.

Eigentlich war es umgekehrt: Ich wollte immer Schriftsteller werden und begann im Journalismus, weil ich Erfahrungen sammeln wollte, über die ich schreiben könnte. Direkt nach der Universität war ich 22 und viel zu jung und unerfahren, um Romane zu schreiben, die irgendjemand lesen würde. Mit 29 habe ich mich wieder an meinen eigentlichen Berufswunsch erinnert und mich ans Bücherschreiben gemacht.

 

Herr Rachmann, darf man Sie auch fragen…

1. . . welcher Autor Sie am meisten beeinflusst hat?

So viele! Aber den größten Einfluss hatte wahrscheinlich Charles Dickens. Seine Geschichten wurden mir als Kind vorgelesen und ich zitiere Dickens oft in „Aufstieg und Fall großer Mächte“. George Orwell mochte ich als Teenager. Graham Greene, Virginia Woolf und Bruce Chatwin entdeckte ich in meiner Studentenzeit. Leo Tolstoi, Jane Austen, Anton Tschechow und Katherine Mansfield bedeuten mir viel. Zuletzt haben mich „Stoner“ von John Williams, „The Blue Fox“ von Sjón und „Man with a Blue Scarf“ von Martin Gayford begeistert.

2. . . was Literatur und Journalismus gemein haben?

Derzeit stehen sowohl der Literatur- als auch der Medienbetrieb vor den gleichen technologischen Herausforderungen. Beide erleben den größten Transformationsprozess seit ihrem Bestehen. Es ist zwar eine unsichere, aber auch fruchtbringende Zeit – und Journalisten und Autoren können wenigstens darüber schreiben.

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