Flüchtlingsfamilie und freiwillige HelferinnenFoto: Clemens Fabry

Die Flüchtlinge und wir: Die neue Art der Hilfsbereitschaft

Wohnung bereitstellen, Deutsch beibringen, Kleidung sammeln. Die Flüchtlingskrise animiert viele Privatpersonen, sehr konkret Hilfe zu leisen. Das zeigt, wie sehr sich Freiwilligenarbeit verändert. Auch dank sozialer Netzwerke und wegen der Politik-Trägheit.

Eine deutsche Journalistin er zählt auf Facebook von ei ner ungewöhnlichen Taxi fahrt: Bepackt mit Säcken voller Windeln und Babysachen war sie auf dem Weg zu einem Berliner Flüchtlingsheim. Als sie beim Aussteigen zahlen wollte, fragte der Taxifahrer: “Sind das alles Spenden?” Nachdem sie bejahte, erwiderte er: “Dann bezahlen Sie nichts.” Anekdoten wie diese fallen noch immer auf, weil sie noch immer nicht selbstverständlich sind. Dennoch sind sie auch Zeichen für die zunehmende Welle der Solidarität mit den tausenden in Österreich, Deutschland und Ungarn gestrandeten Menschen aus Kriegsgebieten wie Syrien.

So kennt nun beinah jeder jemanden, der in der aktuellen Flüchtlings krise nicht mehr zusehen oder ein bisschen Geld spenden, sondern selbst aktiv werden will. Viele Privatpersonen sind in den vergangenen Wochen regelmäßig mit Kleidung, Toiletteartikeln oder Obst in das bis vor wenigen Tagen völlig überfüllte, unterversorgte Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen gefahren. Zuvor hatten sie in ihrem Freundeskreis nach Sachspenden gefragt oder darum gebeten, auf eigene Kosten Deutschunterlagen auszudrucken. Manche stellen leer stehende Wohnungen für Flüchtlingsfamilien bereit oder verbringen Zeit mit einer Familie, andere veranstalten regelmäßig ein Begegnungs-Picknick im Prater, wieder andere organisieren einen Nachmittag für jugendliche Flüchtlinge in Wien. Unternehmen rufen zu Sammelaktio
nen auf. Nicht wenige Helfer tun dies auch öffentlich kund, das soziale Medium Facebook ist beliebte und geeignete Plattform dafür. Dort kann man nicht nur auf die Eigeninitiative aufmerksam machen und die eigene Hilfsgeschichte mit Bildern inszenieren (Motto: “Mein Flüchtling und ich”), sondern auch andere zur Mithilfe, zum Spenden animieren.

Die Hilfsbereitschaft wird so sichtbar – und sie verändert sich. Sie ist viel individueller und unmittelbarer geworden. Während man bei den Balkankriegen vor 20 Jahren vorwiegend mittels Geldspenden bei “Nachbar in Not” half, wird heute mit ganz konkreten Dingen geholfen und direkt Kontakt mit Betroffenen gesucht. Die aktuelle Krise hat auch eine schöne Seite: sie zeigt eine wachsende Zivilgesellschaft, die sich engagieren will.

Einerseits hat das Versagen der Politik – vor allem in Traiskirchen – viele Menschen wütend gemacht und zum Handeln animiert. “Man traut dem Staat die konkrete Hilfe gar nicht mehr zu”, sagt Michael Walk, der Organisator der Wiener Freiwilligenmesse, die demnächst zum vierten Mal stattfindet. Zudem ist das Leid durch neue Medien viel unmittelbarer sichtbar als früher. Die bereits erwähnten sozialen Netzwerke sind nicht nur Mittel, um leichter miteinander in Kontakt zu treten, Hilfe zu organisieren oder sich in täglichen Dosen zu empören, sondern dort wird auch ein Klein-Wettbewerb im Helfen geführt. Offizielle Institutionen haben sich bisher mit groß angelegten Aktionen deutlich zurückgehalten. Das mag an den Sommerferien oder an der bevorstehenden Wien-Wahl gelegen sein, die die Parteien lähmt.

Erst jetzt laufen langsam größere Aktionen an. “Helfen. Wie wir.”, die Hilfsplattform des ORF soll im September starten. Morgen, Montag findet in der Wiener Innenstadt eine Groß-Demo unter dem Motto “Mensch sein in Österreich” statt, am 3. Oktober lädt die Plattform für eine menschliche Asylpolitik zu einer ebensolchen.

Manchmal nur gut gemeint statt gut.

Michael Walk beobachtet die aktuelle Flüchtlingshilfe als Kenner der Freiwilligen-Szene sehr genau. Die Hilfsbereitschaft freut ihn, aber er hat auch einige Beobachtungen gemacht. In Österreich spielt Freiwilligenarbeit eine große Rolle. Vier Millionen Menschen helfen anderen unentgeltlich, ungefähr zur Hälfte innerhalb der Familie oder Nachbarschaft (informelle Freiwilligenarbeit), zur Hälfte in Vereinen und Institutionen (formelle Freiwilligenarbeit) – von der Freiwilligen Feuerwehr bis zur Altenpflege.

Aber Walk sieht massive Herausforderungen auf den Sektor zukommen: “Freiwilligenarbeit muss man sich leisten können”, sagt er. Bei steigender Arbeitslosigkeit und sinkendem Lohnniveau wird die Gruppe derer, die sich unentgeltliches Engagement leisten kann und will, immer kleiner. Auch sei es heute schwerer, Studenten für freiwillige Auslandseinsätze, etwa organisiert vom Österreichischen Bauorden, zu gewinnen, weil diese im Studium keine Zeit verlieren wollen.

Zudem würden die Helfer immer älter, weil es immer mehr aktive Senioren gibt. “Langfristig kann das aber ins Negative umschlagen, weil Vereine überaltern.” In der aktuellen Flüchtlingskrise sieht er die vielen privaten Initiativen zwar positiv, manche Aktionen seien aber eher “gut gemeint als gut”. Er wünscht sich daher eine “stärkere Koordinierung der vielen individuellen Hilfsaktionen”. Er kenne viele “Projekte, die sich um Flüchtlinge kümmern, die gerade vor Helfern untergehen – aber dann gibt es andere, die dringend Helfer benötigen würden.”

Freiwillige werden mehr. Auch Petra Mühlberger von der Caritas beobachtet schon seit Längerem, dass das freiwillige Engagement im Land zunimmt. So waren etwa im Jahr 2014 insgesamt 300 Freiwillige im Asylbereich im Einsatz, 2015 sind es schon 500. (Zum Vergleich: Insgesamt 2200 Menschen helfen freiwillig in Caritas-Einrichtungen). Seit mehr als acht Wochen steht zudem der Omni.Bus vor dem Erstaufnahmezentrum Traiskirchen. “Gemeinsam mit knapp 1000 freiwilligen Helfern, die geschlichtet und sortiert haben, konnten wir seit Anfang Juli bei 40 Spendenausgaben an je 300 Menschen insgesamt rund 12.000 Spendenpakete verteilen”, sagt Martin Gantner, Pressesprecher der Caritas. Aber auch die Caritas bittet Helfer angesichts der Spendenmasse sich genau zu erkundigen, was konkret gebraucht wird. Sachspenden etwa können derzeit gar nicht mehr angenommen werden, weil das Spendenlager übergeht.

An konkreter Hilfe – egal, ob Zeit, Wohnraum oder Sprachkurse – wird es hingegen noch länger mangeln.

 

 

Zusammen hilft man besser als allein

Elf Wienerinnen bieten Hanaa, Abd und Zain Hamid aus Syrien ein neues Zuhause in Wien.

Vor ein paar Tagen ist er kollabiert. Plötzlich war Abd Hamid in seiner neuen Wiener Bleibe zusammengesackt. Seine Magenschmerzen waren zu stark geworden – er hatte sie bei seinen Gastgebern lange nicht erwähnt, weil er keine Umstände machen wollte. Aber Ehefrau Hanaa wusste, was zu tun war: Sie rief ihre Helferinnen an. Die hatten nach einer kurzen Beratung in ihrer WhatsApp-Gruppe und einigen Telefonaten erstaunlich rasch einen Arzt aufgetrieben, der den unversicherten Abd unentgeltlich behandelte. Am selben Tag kehrte er wieder nach Hause zurück und erholt sich seither langsam.

Elf Wienerinnen sind es insgesamt, die sich seit Kurzem gemeinsam um die Hamids kümmern (siehe großes Bild). Die elf sind Freundinnen seit den Kindergartentagen ihrer mittlerweile halbwüchsigen Kinder. Darunter etwa die Volksschullehrerin Doris Kucera, die Gastronomin Barbara Stöckl (nicht die Moderatorin), die Verlegerin Sibylle Hamtil, die Freizeitpädagogin Larissa Mayer und Sabine Klein, Sprecherin einer NGO. Immer wieder tauschten sie sich über die Entwicklungen in der aktuellen Flüchtlingskrise aus. „Am letzten Schultag standen wir zusammen und haben uns gedacht, dass man irgendwie helfen sollte“, erzählt Doris Kucera. Weil eine der Frauen eine kleine, freie Wohnung in der Gegend besitzt, entstand die Idee, dort eine Familie unterzubringen. Sie meldeten sich also Anfang August bei der Diakonie und noch am gleichen Tag lernten sie die Hamids kennen.

Freundschaft entsteht. Für Hanaa und Abd Hamid, beide 26, und ihren kleinen Sohn Zain ist es mehr als ein sicheres, sauberes Zuhause. Zwischen ihnen und den Helferinnen gab es sofort eine Verbindung. Hanaa ist eine schlanke, junge Frau mit hellen Strähnen im dunklen, langen Haar, wachen, funkelnden Augen und einem gewinnenden Lächeln. Sie spricht inzwischen so gut Englisch, dass man sich mit ihr unterhalten kann, und kann schon einige Worte auf Deutsch sagen.

Hanaa kommt aus der syrischen Küstenstadt Latakia, ihr Mann aus Aleppo. Sie war in ihrer Heimat als Buchhalterin tätig, er arbeitete nach dem Militärdienst als Verkäufer. Weil sie weder mit Assads Regime noch mit den Machthabern des Islamischen Staates (IS) kooperieren wollten, beschlossen sie zu fliehen. Ehemann Abd ging voraus in die Türkei, Hanaa kam kurz darauf nach. Da war ihr Sohn Zain nur wenige Tage alt. Heute geht der 17 Monate alte Bub mit den gelockten Haaren schon allein, wenn auch manchmal noch recht wackelig, und spricht erste Worte. Mehr als 50 Tage war die Familie zu Fuß von Griechenland nach Österreich unterwegs. „Die Schlepper sagten uns nicht, wo wir landen werden, ob Deutschland oder Schweden“, sagt Hanaa. Anfang Juli erreichten sie schließlich Österreich und das Auffanglager in Traiskirchen. Dort schliefen sie zunächst alle im Freien, ehe Hanaa und Zain mit 30 anderen in einem Raum schlafen konnten. Weil alle drei und vor allem der kleine Zain so krank waren, konnten sie das Lager verlassen und trafen schließlich auf die elf Helferinnen. „Ich bin so froh, dass ich diese großzügigen Frauen getroffen habe“, sagt Hanaa und lächelt.

Nach dem Einzug der Hamids übernahm jede der Freundinnen etwas anderes. Die einen kauften Möbel, die anderen halfen beim Aufbauen, andere begleiten die Familie bei Arztbesuchen oder zeigen ihr die neue Gegend und sprechen Deutsch mit ihr. Der Asylantrag läuft für die drei. Ihr oberstes Ziel ist: so schnell wie möglich Deutsch lernen.

Die Helferinnen erzählen, dass es von Vorteil ist, eine so große Gruppe zu sein: „Zusammen können wir das packen. Da traut man sich mehr zu. Allein ist das fast nicht vorstellbar,“ sagt Doris Kucera. Natürlich seien auch Kommunikationsmittel wie WhatsApp von Vorteil. „Manches geht dann ein bisschen schneller“, erzählt Sabine Klein. Auch im Bekannten- und Freundeskreis holen sie sich Hilfe. Die Reaktionen in ihrem Umfeld seien ganz verschieden. Von der unaufgeforderten 500-Euro-Spende im Kuvert bis zu blöden Sprüchen über „Machen wir jetzt auf Gutmensch“ sei alles darunter. Derzeit suchen sie für eine andere junge Syrerin und deren dreijähriges Kind, die Hanaa aus Traiskirchen kennt, eine kleine Wohnung innerhalb des Gürtels.

 

Die Presse am Sonntag, 29. August 2015

 

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