Christian Goriupp, Foto: Clemens Fabry

Vaterschaft – die Rolle meines Lebens

Väter in (langer) Elternzeit sind immer noch in der Minderheit. Doch langsam bewegt sich etwas bei der Väterkarenz: 17 Prozent von Österreichs Vätern beziehen derzeit Kinderbetreuungsgeld.

Christian Goriupp, Foto: Clemens Fabry

Christian Goriupp, Foto: Clemens Fabry

Leben und Tod lagen bei Christian Goriupp nah beieinander. Ein Jahr, nachdem seine Tochter Anna zur Welt kam, starb sein Vater, was seine Einstellung zur Vaterschaft entscheidend veränderte. 

Das Verhältnis zu seinem alten Herren, erzählt er, sei zwar gut gewesen, „zu gut vielleicht sogar“, dennoch fehlte ihm etwas. „Ich hatte dieses Bild von einem alten Cowboy im Kopf, der dem jungen Cowboy etwas weitergibt. Aber mein Vater hat mir nichts Greifbares mitgegeben“, erzählt er. In Karenz gehen und auf seine Tochter aufpassen, das wollte Goriupp schon vor ihrer Geburt, doch erst durch den Tod des eigenen Vaters begann sich der heute 35-Jährige intensiver mit seiner eigenen Rolle als Vater auseinanderzusetzen.

Weil sein Arbeitgeber, ein Versicherungskonzern, seinen Wunsch, vier Monate in Karenz zu gehen, nicht akzeptierte, verlor Goriupp seinen Job. Seine Tochter Anna betreute er dann weit über die gesetzliche Kinderbetreuungszeit hinaus, insgesamt eineinhalb Jahre. Bis heute sei er für seine Tochter Anna eine gleichwertige Bezugsperson wie seine Frau. „Ich hatte immer gleich viel Zeit für sie wie meine Frau.“ Erst bei den Freunden seiner Tochter habe er gemerkt, dass die Betreuungszeit in vielen Familien immer noch 80 zu 20 zwischen Mutter und Vater aufgeteilt ist. Und Goriupp erinnert sich noch, dass er damals in der Grazer Vorstadt als Vater in langer Karenz eine Rarität war. Ob beim Zwergerltreff oder im Babyschwimmen – er war so gut wie immer der einzige Mann.

Use-or-lose. Ganz allein wäre Goriupp am Spielplatz heute nicht mehr. Seit 2010 bewegt sich etwas bei der Babybetreuung von Vätern. Die Zahlen aus dem Februar 2014 besagen, dass zuletzt 17 Prozent aller Väter Kinderbetreuungsgeld bezogen haben. Die Einführung des einkommensabhängigen Kinderbetreuungsgeldes 2010 bringt langsam sichtbare Veränderungen. (Zur Erinnerung: Derzeit gibt es fünf Kinderbetreuungsmodelle, bei der sich die Eltern die Zeit aufteilen können: 30+6, 20+4, 15+3, 12+2 pauschal und 12+2 einkommensabhängig mit max. 2.000 Euro netto). Arbeitnehmer in Kreativberufen, etwa im Journalismus, oder im öffentlichen Dienst, gehen immer häufiger zwei Monate in Karenz. Für Sonja Blum vom Institut für Familienforschung zeigt sich: „Väter nehmen die Zeiten, die exklusiv für sie reserviert sind, stärker in Anspruch.“ Sich aber individuell eine längere Kinderbetreuungszeit zu nehmen, das würden immer noch sehr wenige. Sie plädiert wie viele Familien- und Väterexperten für die Einführung eines Use-it-or-lose-it-Modells. Wenn der Vater die für ihn gesetzlich vorgesehene Zeit nicht in Anspruch nimmt, verfällt das einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld.

Auch für Christian Pecharda wäre es in seiner Position als Chef einer Abteilung im mittleren Management eher schwierig gewesen, sechs Monate oder länger in Karenz zu gehen. Dass er aber nach dem Karenzjahr seiner Frau zwei Monate auf seine Tochter Teresa aufpassen würde, stand für ihn schon früh fest. Er sei „fertig, aber glücklich“ nach den acht Wochen Karenz, postete er vergangenen Donnerstag am Ende seiner Väterzeit auf Facebook. Die Karenz hat ihn zwei Dinge gelehrt: Er habe bemerken müssen, dass es „offensichtlich noch immer nicht selbstverständlich ist, dass Väter in Karenz gehen“. In seinem privaten Umfeld kenne er nicht viele Männer, die es wie er gemacht haben. Anders sei das in seinem Arbeitsumfeld, wo vor ihm schon einige Männer zu Hause geblieben sind. In der Wiener Vorstadt war er im Sommer 2014 zwar deutlich seltener der einzige Mann unter vielen Frauen am Spielplatz als Goriupp in Graz vor vier Jahren, dennoch bekam er vereinzelt ungläubige Fragen zu hören, wie „Wie machst du das mit dem Kochen?“ oder „Du wickelst?“.

Erkenntnis zwei: Abgesehen davon, dass Pecharda die Zeit mit seiner Tochter genossen und vom vielen Nachkrabbeln zwei Kilo abgenommen hat, hat er heute noch weniger Verständnis für Väter, die behaupten, eine Karenz ginge sich finanziell oder aus Karrieregründen nicht aus. Wenn beide Seiten wollen – also Arbeitgeber und Mann – dann funktioniere das. „Dass nicht jeder sechs Monate gehen kann, ist verständlich, aber bei zwei Monaten geht es nicht um können, sondern um wollen.“

Auch für die Partnerschaft bringe die Väterkarenz Vorteile: „Es tut beiden gut, die andere Seite kennenzulernen. Mir ist aufgefallen, dass in den vergangenen zwölf Monaten die wirkliche Arbeit die Karenz war, weil sie sieben Tage die Woche rund um die Uhr dauert.“ Umgekehrt sei seiner Frau bewusst geworden, wie sehr dem arbeitenden Teil die Zeit mit dem Kind fehlt.

Blinder Fleck Vaterschaft. Für Christian Goriupp begann mit seiner Karenzzeit ein völlig neuer Lebensabschnitt. Auf der Suche nach Studien zum Thema entdeckte er, „dass die Vaterschaft immer noch ein blinder Fleck ist“. Daher begann er selbst im Grazer Kindercafé Workshops für junge Väter anzubieten. „Die zu Beginn gar nicht angenommen wurden.“ Schließlich kam ihm die Idee, einen Dokumentarfilm zu machen, der nun im Oktober in die Kinos kommt. Für „Die Rolle meines Lebens“ begleitete er einen Vater schon während der Schwangerschaft seiner Frau bis über die Geburt hinaus. In Gesprächen mit einer Hebamme, einem Sozialarbeiter, einem Tagesvater, dem Theologen Paul Zulehner, dem Grazer Landesrat Michael Schickhofer und dem Väterforscher Harald Werneck wird diese filmische Studie zur Vaterschaft abgerundet. Ganz bewusst ließ Goriupp seine eigene Geschichte nicht in den Film einfließen. Was ihm ein besonderes Anliegen ist: Unternehmen darüber aufzuklären, wie sehr sie davon profitieren, wenn Männer in Karenz gehen. „Es hat sich noch nicht weit verbreitet, dass danach frischere Männer mit neuen Eindrücken zurückkehren.“

Papamonat wäre wichtig. Was rund um die Väterkarenz-Frage auch gern vergessen wird, ist die Zeit direkt nach der Geburt. Goriupp und Pecharda plädieren beide für die Einführung des Papamonats. Im öffentlichen Dienst wurde der zwar 2011 eingeführt (bis Ende 2013 haben ihn 13 Prozent aller Väter in Anspruch genommen), doch auf eine flächendeckende Einführung auch in der Privatwirtschaft konnte sich die Bundesregierung bisher noch nicht einigen. „Gerade im ersten Lebensmonat ist es wichtig, dass du zu Hause bist. Allein schon zur Unterstützung der Frau, zum Einkaufen gehen und für die Behördengänge. Aber auch, um beim Kind zu sein und mitzubekommen, wie alles geht, wie das mit dem Stillen funktioniert“, sagt Pecharda. Bestärkt werden die beiden Väter durch eine aktuelle EU-weite Studie im Auftrag der EU-Kommission. Demnach gibt es in ganz Europa ein steigendes Interesse der Männer an Gleichstellung und damit auch an der Kindererziehung. Daher wird derzeit überlegt, einen sogenannten Vaterschutz – nach dem Vorbild des Mutterschutzes – einzuführen. Männern soll dabei verboten werden, direkt nach der Geburt ihres Kindes zu arbeiten. Ein Modell, das in Portugal bereits existiert: Väter müssen innerhalb des ersten Monats nach der Geburt ihres Kindes zehn Tage – und können 20 Tage – zu Hause bleiben.

Auch in Literatur und Forschung wird der Blick immer häufiger auf die Väter gelenkt. Autoren wie der Familientherapeut Jesper Juul haben das populärwissenschaftliche Feld mit Büchern wie „Mann und Vater sein“ geebnet. Ein Wiener Forscherteam analysiert zudem seit Kurzem die Vaterschaft. Psychologin Lieselotte Ahnert vom Institut für Angewandte Psychologie an der Uni Wien leitet seit 2013 mit dem neu gegründeten Central European Network on Fatherhood eine groß angelegte Studie. Die Zeit sei reif dafür, weil die modernen Väter sich in einer Aufbruchstimmung befinden würden, sagt sie. „Doch auf wissenschaftlicher Ebene wissen wir fast nichts über Möglichkeiten und Effekte dieses Aufbruchs.“ Bis Februar 2016 will man mit Hilfe von 3700 Männern mehr über die Motive und Ziele der Väter im Zusammenleben mit ihren Kindern herausfinden. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass sich bis dahin die Zahl der Vaterkarenzgeher noch mal erhöht.

Mehr zum Film: www.dierollemeineslebens.at

(“Die Presse am Sonntag”, Print-Ausgabe, 03.08.2014)

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