Soziale Netzwerke haben kein Taktgefühl

Eigentlich wollte ich über das Prokrastinieren schreiben, damit kenne ich mich schließlich aus. Und zum Beispiel darüber, welche Ratschläge dieses eine Online-Magazin den sogenannten „heavy procrastinators“ unlängst gegeben hat, damit die 2015 endlich! wirklich! ein für alle Mal! Schluss mit der Aufschieberitis machen. Doch dann fiel mir auf, dass ich damit zugeben würde, meinen Vorsatz aus dem letzten Blogeintrag („Nicht mehr auf die billigen Ratschlag-Fallen im Netz hereinfallen“) noch nicht einmal ansatzweise umgesetzt zu haben und außerdem gibt es immer wichtigere Dinge, als über das Prokrastinieren zu sinnieren.

Facebook zum Beispiel hat während des vergangenen Weihnachtsfestes wieder einmal ungefragt Daten und Fotos seiner Millionen Kunden zu kleinen „Year in Review“-Kollagen gemacht. Und massenweise drückten die Kunden nach der Durchsicht „ihres Jahres“ auf „Teilen“ und überschwemmten die Timelines ihrer Freunde mit ihrem persönlichen Jahresrückblick, die meisten ohne wenigstens die standardisierte Zeile „Es war ein großartiges Jahr. Danke, dass Du ein Teil davon warst“ zu löschen. Noch bevor der erste Satiriker darauf reagieren konnte, entschuldigte sich Facebook in den USA für die kleinen Pannen, die so ein selbstloser Kundendienst auslösen kann, wenn man den Algorithmus nur machen lässt.

Im Jahresrückblick eines amerikanischen Webdesigners fand sich nämlich nicht nur ein Foto seiner im vergangenen Jahr verstorbenen Tochter, es war vor allem das Titelbild. Nun war die Tochter und ihr Verlust mit Sicherheit prägender Teil seines vergangenen Jahres, dennoch zeigt die Geschichte, dass soziale Netzwerke oder Suchmaschinen eben kein Taktgefühl haben. Autonome Internetnutzer wissen das, sie veröffentlichen vermutlich auch keine heiklen oder sehr berührenden Fotos auf Facebook – und wenn doch, drücken sie nicht auf den „Teilen“-Knopf beim Jahresrückblick, auch wenn ihnen das soziale Netzwerk das täglich fünf Mal anbietet. Und allen anderen kann man auch nicht vorwerfen, sich in einem Selbstdarstellungsmedium des neuesten Selbstdarstellungswerkzeugs zu bedienen.

Interessant ist vielmehr, dass sich der Social-Media-Riese so rasch für die Unsensibilität entschuldigt hat, die sein ungesteuerter Algorithmus ausgelöst hat. Der österreichische Jurist Max Schrems, der seit Jahren gegen Datenschutzvergehen des Netzwerks vorgeht, hat so weit bekannt bisher noch keine Entschuldigung geschweige denn ein Einlenken in den wichtigen beanstandeten Punkten bekommen. In diesem Fall aber entschuldigte sich ein Produktmanager der Firma gegenüber der „Washington Post“. Die App, die diese Rückblicke generiert hat, sei für viele Menschen perfekt, aber in diesem einen Fall habe sie dem Nutzer mehr Trauer als Freude gebracht. Vielleicht ahnt Facebook, dass sich in den kommenden Tagen, wenn immer mehr Kunden ihren Jahresrückblick veröffentlichen, auch diese Pannen häufen werden und hat einfach Angst vor einem Shitstorm zwischen den Jahren? Oder das Unternehmen weiß, dass es das fehlende Taktgefühl seiner Algorithmen nur mit betonter Höflichkeit und Sensibilität wett machen kann.

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